Paronychie, Panaritium & eingewachsene Nägel

Episode von DocYouUp - Bring dein Wissen aufs nächste Level! von DocYouUp · 15. Oktober 2026 · 34 min

🎙️ Paronychie, Panaritium & eingewachsener Nagel

Schmerzhafte, gerötete und geschwollene Finger oder Zehen sind häufig – aber nicht immer harmlos. Entscheidend ist die Frage: Oberflächliche Entzündung, Abszess oder bereits tiefe Infektion?

🩺 Begriffe kurz erklärt

• Paronychie: Entzündung des Nagelwalls.

• Panaritium: Umschriebene, meist eitrige Entzündung an Finger, seltener Zehe.

• Unguis incarnatus: Eingewachsener Nagel, meist an der Großzehe.

• Unguis convolutus / Zangennagel: Stark gekrümmte Nagelplatte, die Rezidive begünstigen kann.

🦠 Ursachen und Risikofaktoren

Häufige Erreger sind Staphylococcus aureus und Streptokokken. Eintrittspforten sind kleinste Hautverletzungen, Maniküre/Pediküre, Nägelkauen, Feuchtarbeit, Bissverletzungen oder ein eingewachsener Nagel.

Erhöhtes Risiko für komplizierte Verläufe bei:

• Diabetes mellitus, Neuropathie und pAVK

• Immunsuppression

• Engem Schuhwerk oder wiederholter Nagelmanipulation

• Chronischer Feuchtigkeit oder chemischer Reizung

• EGFR-Inhibitor-Therapie mit periungualen Entzündungen

🔍 Diagnostik: Was muss geprüft werden?

Klinisch relevant sind:

• Eiter, Fluktuation oder subungualer Abszess

• Pulsierender Schmerz und zunehmende Spannung

• Ausdehnung der Rötung, Lymphangitis oder Lymphadenitis

• Beweglichkeit, Sensibilität und Durchblutung

• Bei Fingerbefunden: Zeichen einer Beugesehnenscheideninfektion

Bei komplizierten, rezidivierenden oder schweren Verläufen: Kultur aus gewonnenem Eiter, ggf. Labor, Röntgen bei Trauma/Fremdkörper/Osteomyelitisverdacht und MRT bei Verdacht auf tiefe Infektion.

🚨 Red Flags: dringliche Vorstellung

Kanavel-Zeichen einer Beugesehnenscheideninfektion:

• Finger in leichter Beugestellung

• Diffuse Schwellung des gesamten Fingers

• Druckschmerz entlang der Beugesehnenscheide

• Starker Schmerz bei passiver Streckung

Weitere Warnzeichen: Fieber, Schüttelfrost, rasche Progression, Lymphangitis, reduzierter Allgemeinzustand, neurologische Auffälligkeiten oder Durchblutungsstörung. Gefahr: Phlegmone, V-Phlegmone, Sepsis, Gelenk- oder Knochenbeteiligung.

⚠️ Wichtige Differenzialdiagnose

Herpes digitalis: Gruppierte, sehr schmerzhafte Bläschen mit Brennen oder Kribbeln. Nicht inzidieren – eine Eröffnung bringt keinen Nutzen und erhöht das Risiko einer bakteriellen Superinfektion.

💊 Therapieprinzipien

Ohne Abszess:

• Ruhigstellung, Hochlagerung, Druckentlastung

• Lokale Antiseptika unter Beachtung von Kontraindikationen

• Analgesie individuell nach Komorbiditäten und Begleitmedikation

• Antibiotika nicht routinemäßig erforderlich

Bei Abszess:

• „Wo Eiter ist, muss Eiter entlastet werden.“

• Inzision und Drainage sind zentral; Antibiotika ersetzen keine Drainage.

• Antibiotika bei Ausbreitung, Cellulitis, Lymphangitis, Allgemeinsymptomen, Risikokonstellation oder Verdacht auf tiefe Infektion.

🦶 Eingewachsener Nagel

Frühe Stadien: Weite Schuhe, gerade Nagelkante, keine tief ausgeschnittenen Ecken, Tamponade, Tape, Sulcus-Protektor oder Nagelspange.

Bei Abszess oder Granulationsgewebe: Entlastung, Entfernung störender Nagelanteile und lokale Wundbehandlung.

Bei Rezidiven, Zangennagel oder chronischen Verläufen: Partielle Nagelresektion mit gezielter Matrixbehandlung oder andere definitive Verfahren. Das Ziel ist eine dauerhafte Druckentlastung.

✅ Take-home Messages

• Jede Nagelentzündung aktiv auf Abszess und tiefe Infektion prüfen.

• Abszesse brauchen eine ausreichende Drainage.

• Kanavel-Zeichen sind ein handchirurgischer Notfall.

• Bei Herpesverdacht nicht inzidieren.

• Bei Diabetes, Immunsuppression oder pAVK besonders niedrige Schwelle zur Kontrolle und fachchirurgischen Mitbeurteilung.

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