Klinische Unterschung der Wirbelsäule

Episode von DocYouUp - Bring dein Wissen aufs nächste Level! von DocYouUp · 17. Oktober 2026 · 44 min

🎙️ Klinische Untersuchung der Wirbelsäule

Rückenschmerzen sind häufig – entscheidend ist die strukturierte Einschätzung: unkomplizierter muskuloskelettaler Schmerz oder Hinweis auf eine relevante neurologische, entzündliche, infektiöse, traumatische oder maligne Ursache?

🦴 Anatomische Grundlagen

Die Wirbelsäule besteht aus:

• 7 Halswirbeln (HWS)

• 12 Brustwirbeln (BWS)

• 5 Lendenwirbeln (LWS)

• Sakrum und Steißbein

Wichtige Strukturen: Wirbelkörper, Wirbelkanal mit Rückenmark bzw. Nervenwurzeln, Facettengelenke, Bandscheiben, Bandapparat und Muskulatur. Die physiologische doppelte S-Form dient Stabilität, Lastverteilung und Beweglichkeit.

🗣️ Zielgerichtete Anamnese

Erfasst werden sollten:

• Beginn, Verlauf, Lokalisation, Schmerzqualität und Intensität

• Trauma, Osteoporoserisiko und Glukokortikoidtherapie

• Ausstrahlung, Dermatombezug, Husten-/Niesenschmerz

• Belastungsabhängigkeit und Besserung in Flexion, etwa bei neurogener Claudicatio

• Morgensteifigkeit und nächtlicher Ruheschmerz

• Infektzeichen, Tumoranamnese, Immunsuppression und Gewichtsverlust

• Berufliche, psychosoziale und sportliche Belastungsfaktoren

• Vorbefunde, Operationen, Medikation und Antikoagulation

🚩 Red Flags: sofort ernst nehmen

Hinweise auf dringlichen Abklärungsbedarf:

• Neues Trauma oder Frakturverdacht

• Fieber, Schüttelfrost, Infektionsrisiko, erhöhte Entzündungswerte

• Tumoranamnese, Gewichtsverlust, progrediente Ruheschmerzen

• Neue Parese, Sensibilitätsstörung oder Gangunsicherheit

• Beidseitige radikuläre Symptome oder Zeichen einer zervikalen Myelopathie

• Harnverhalt, Inkontinenz, Stuhlkontrollverlust, Reithosenanästhesie

Bei Verdacht auf Kauda- oder Konussyndrom: neurologischer Notfall – dringliche MRT und fachchirurgische Mitbeurteilung.

👀 Untersuchung: systematisch vorgehen

Inspektion:

• Haltung, Schonhaltung, Achsenabweichung, Skoliose

• Schulter- und Beckenstand, Taillendreiecke

• Kyphose, Lordose, Muskelatrophie

• Narben, Hämatome, Rötung, Überwärmung oder Fisteln

Palpation und Perkussion:

• Dornfortsätze und paravertebrale Muskulatur

• Druck-, Klopf- oder Stauchungsschmerz

• Bei Frakturverdacht keine provokativen Manöver erzwingen

🤸 Beweglichkeit und Messwerte

Prüfung von Flexion, Extension, Seitneigung und Rotation – immer mit Seitenvergleich und Schmerzbeobachtung.

Wichtige orientierende Tests:

• Hinterkopf-Wand-Abstand (Flèche-Maß)

• Kinn-Sternum-Abstand

• Thoraxexkursion

• Schober-Maß für die LWS

• Ott-Maß für die BWS

• Vorbeuge-Test bei Skolioseverdacht

• Finger-Boden-Abstand als Verlaufswert

🧠 Neurologischer Status

Bei radikulären Beschwerden oder Ausfällen obligatorisch:

• Gangbild, Fersen- und Zehengang

• Kraftprüfung und Seitenvergleich

• Sensibilität nach Dermatomen

• Patellar- und Achillessehnenreflex, Reflexe der oberen Extremität

• Lasègue-, Bragard- und gekreuztes Lasègue-Zeichen

• Femoraldehnungstest bei Verdacht auf hohe lumbale Radikulopathie

🖼️ Bildgebung gezielt einsetzen

Keine Routinebildgebung bei akutem unspezifischem Kreuzschmerz ohne Red Flags. MRT ist besonders geeignet für Bandscheiben, Nerven, Rückenmark, Infektionen und Tumoren; CT für knöcherne Verletzungen.

💊 Initiale Behandlung bei unkomplizierten Beschwerden

• Bewegung im tolerablen Rahmen fördern, längere Bettruhe vermeiden

• NSAR nur nach Prüfung von Kontraindikationen und in niedrigster wirksamer Dosis

• Paracetamol bei NSAR-Kontraindikation individuell abwägen

• Opioide nicht routinemäßig einsetzen

• Progrediente Paresen oder Notfallzeichen werden nicht durch Analgesie „behandelt“, sondern sofort abgeklärt

✅ Take-home-Message

Einzelne Tests beweisen keine Diagnose. Entscheidend sind Anamnese, strukturierte Untersuchung und das zuverlässige Erkennen gefährlicher Verläufe.

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