Immobilisation der oberen Extremität
Episode von DocYouUp - Bring dein Wissen aufs nächste Level! von DocYouUp · 27. Oktober 2026 · 38 min
Grundsatz: So viel Immobilisation wie nötig, so wenig wie möglich.
🧭 Grundprinzipien
• Welche Struktur muss geschützt werden?
• Welche Bewegung gefährdet sie?
• Welche Gelenke dürfen frei bleiben?
Unnötige Ruhigstellung fördert Steifigkeit, Kontrakturen, Ödeme und Muskelabbau. Freie Finger und Gelenke sollen – sofern erlaubt – bewegt werden.
🩹 Materialien im Überblick
• Alu-Polsterschiene / Kramer-Schiene: rasch formbar, ideal für Akut- und Transportversorgung
• Vakuumschiene: schmerzarme Anpassung präklinisch
• Gipsschiene/Longuette: bei Schwellung meist sicherer als zirkulärer Gips
• Weißgips: gut formbar, härtet langsam aus; frisch nur mit flachen Händen halten
• Kunststoffgips (Cast): leicht, stabil, rasch ausgehärtet; Wärmeentwicklung beachten
• Orthesen: gezielte Bewegungsbegrenzung und stufenweise Mobilisation möglich
⚠️ Sicherheitscheck: DMS
Vor, nach und im Verlauf jeder Immobilisation dokumentieren:
• Durchblutung: Hautfarbe, Temperatur, Kapillarfüllung, Radialis-/Ulnarispuls
• Motorik: aktive Finger- und Daumenbewegung
• Sensibilität: Daumen-, Zeige- und Kleinfingerkuppe
Warnzeichen: zunehmender Schmerz, passive Dehnungsschmerzen, pralle Schwellung, Kribbeln oder Taubheit. Fehlende Pulse sind ein spätes Zeichen eines Kompartmentsyndroms. Einengende Verbände sofort vollständig spalten oder entfernen und chirurgisch beurteilen lassen.
🦴 Schulter und Oberarm
• Armschlinge/Dreiecktuch: partielle Ruhigstellung bei leichteren Schulter- oder Oberarmverletzungen
• Gilchrist: nach Schulterluxation, AC-Gelenk-Verletzung, Humeruskopffraktur oder postoperativ
• Desault: stärkere Schulter-Oberarm-Immobilisation, aber Risiko der Schultersteife
• Rucksack-Verband: selektiv bei Claviculafraktur; Achselpolsterung und Verlaufskontrolle wichtig
• Sarmiento-Brace: funktionelle Stabilisierung bei geeigneten Humerusschaftfrakturen
• Abduktionskissen: z. B. nach Rotatorenmanschettenrekonstruktion; Nachbehandlungsplan beachten
💪 Ellenbogen und Unterarm
Der Ellenbogen versteift schnell: Immobilisationsdauer möglichst kurz halten.
• Dorsale Oberarmgipsschiene: meist Ellenbogen ca. 90 Grad gebeugt, Handgelenk leicht extendiert
• Rotationsstellung des Unterarms nach Frakturvorgabe beachten
• Epicondylitisspange: einige Zentimeter distal des Epicondylus, nicht zu eng
• Bewegungsorthesen: kontrollierte Beugung/Streckung nach Luxation, Fraktur oder OP
✋ Handgelenk, Hand und Finger
• Unterarmgipsschiene: bei distaler Radiusfraktur; Ellenbogen frei, Finger beweglich
• Handgelenksorthese: z. B. bei Tendovaginitis oder Karpaltunnelsyndrom, oft Neutralstellung
• Intrinsic-plus-Stellung: Handgelenk 20–30 Grad Dorsalextension, MCP-Gelenke 70–80 Grad gebeugt, IP-Gelenke nahezu gestreckt
• Drei-/Vierfingerschiene: bei Mittelhand- oder Handwurzelverletzungen; auf Rotationsfehler achten
• Daumenschiene: bei Ulnarseitenbandverletzung, Rhizarthrose oder Daumengrundgliedfraktur
• Scaphoidgips: bei Kahnbeinfraktur oder klinischem Verdacht mit Tabatierenschmerz
• Kleinert-Schiene: spezialisierte postoperative Versorgung nach Beugesehnenverletzung
• Stack-Schiene: Mallet-Finger; DIP-Gelenk konsequent in Streckung halten
👤 Patientenaufklaerung
Arm hochlagern, freie Finger bewegen und bei folgenden Zeichen sofort erneut vorstellen:
• zunehmende Schmerzen oder Druckgefuehl
• Taubheit, Kribbeln, kalte, blasse oder blaue Finger
• starke Schwellung
• nasser, beschaedigter oder uebel riechender Gips
• Fieber oder neue Bewegungsstoerungen
💊 Schmerztherapie
Analgesie erleichtert Untersuchung und Schienung. Auswahl und Dosierung richten sich nach Alter, Gewicht, Organfunktion, Schwangerschaft, Blutungsrisiko, Komedikation und lokalen Standards. Zunehmender Schmerz trotz Analgesie ist ein Warnsignal.
✅ Take-home-Message
Gezielt immobilisieren, Schwellung mitdenken, DMS konsequent kontrollieren und freie Gelenke mobil halten. Eine gute Schiene schützt – eine zu enge oder falsch positionierte Schiene kann schaden.
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