Orthopädische Untersuchung: Systematik vor Spezialtest

Episode von DocYouUp - Bring dein Wissen aufs nächste Level! von DocYouUp · 15. September 2026 · 36 min

Eine sorgfältige klinische Untersuchung steuert die weitere Diagnostik und ersetzt Bildgebung nicht, sondern ergänzt sie gezielt.

🔎 Grundprinzip der Untersuchung

- Anamnese: Unfallmechanismus, Schmerzcharakter, Belastungs- und Ruheschmerz, Instabilität, Blockierungen

- Inspektion: Haltung, Achsen, Schwellung, Hämatom, Narben, Muskelatrophie und Gangbild

- Palpation, Beweglichkeit und Funktion prüfen

- Erst danach gezielte Provokations- und Stabilitätstests

- Immer Seitenvergleich, Schmerz beachten und Befunde reproduzierbar dokumentieren

📐 Neutral-Null-Methode

Standardisierte Dokumentation der Gelenkbeweglichkeit in Winkelgraden.

- Ausgangsstellung: aufrechter Stand, Arme locker, Daumen nach vorn

- Bewegungen werden mit drei Werten angegeben, z. B. Knie: 0–0–120/150°

- Bei Kontrakturen steht das Defizit in der Mitte, z. B. 0–20–20°

- Orientierungswerte: Hüfte Flexion/Extension etwa 20–0–140°, Abduktion/Adduktion 50–0–30°

📏 Umfangsmessung

Umfangsdifferenzen können auf Muskelatrophie, Schwellung, Erguss, Hämatom oder Lymphödem hinweisen. Immer an definierten Bezugspunkten und beidseits messen.

🦵 Knie

Wichtige Befunde: Erguss, Achsabweichungen wie Genu valgum/varum, Streckdefizit, Instabilität und Gelenkspaltschmerz.

- VKB: Lachman-Test, vorderer Schubladentest, Pivot-Shift

- HKB: hinterer Schubladentest, Posterior-sag, Gravity-Sign

- Meniskus: Steinmann I/II, McMurray, Apley, Payr

- Patella: tanzende Patella bei Erguss, Apprehension-Test bei Instabilität

- Akut blockiertes oder stark schmerzhaftes Knie nicht forcieren

🦴 Hüfte

Hüftpathologien können in Leiste, Gesäß, lateral am Trochanter oder sogar am Knie schmerzen.

- Vierer-Zeichen: orientierend für Hüfte und Iliosakralgelenk

- Trendelenburg: Absinken des Beckens zur Spielbeinseite

- Duchenne: Rumpfneigung zur Standbeinseite als Kompensation

- Thomas-Handgriff: Hüftbeugekontraktur

- Drehmann-Zeichen: Warnhinweis auf Epiphysiolysis capitis femoris bei Jugendlichen

Bei Kindern mit unklarem Knieschmerz immer auch die Hüfte untersuchen.

💪 Schulter

Aktive und passive Beweglichkeit vergleichen, Rotatorenmanschette, Halswirbelsäule und neurologischen Status mitbeurteilen.

- Painful Arc: Schmerz bei etwa 60–120° Abduktion

- Neer: Hinweis auf subakromiale Schmerzsymptomatik

- Jobe: Supraspinatusfunktion

- Sulcus-Zeichen: inferiore Instabilität/Hyperlaxität

- Apprehension-Test: vordere Schulterinstabilität

🧍 Wirbelsäule

Haltung, Beckenstand, Skoliosezeichen, Muskeltonus, Beweglichkeit und neurologischen Status erfassen.

- Red Flags: Fieber, Gewichtsverlust, Tumoranamnese, Trauma, Blasen-/Mastdarmstörung, Reithosenanästhesie, progrediente Paresen

- Beweglichkeit: Schober-, Ott-Zeichen, Hinterkopf-Wand-Abstand, Thoraxexkursion

- Radikuläre Beschwerden: Lasègue- und Bragard-Test

✋ Hand

- Karpaltunnel-Syndrom: Hoffmann-Tinel-, Phalen- und Flaschenzeichen

- Entzündliche Arthropathie: Schwanenhals- und Knopflochdeformität, Gaenslen-Zeichen

- Tendovaginitis stenosans: schnellender Finger

- De-Quervain-Tendovaginitis: Finkelstein-Zeichen

⚠️ Wichtig für die Praxis

Spezialtests liefern Hinweise, aber keine isolierten Diagnosen. Befunde müssen immer zu Anamnese, Unfallmechanismus, Gesamtuntersuchung und gegebenenfalls Bildgebung passen.

Bei akutem Trauma, deutlicher Instabilität, Blockierung, Durchblutungsstörung, neurologischen Ausfällen oder systemischen Warnzeichen: nicht forcieren, sondern zeitnah weiter abklären.

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