Beckenringfrakturen: Stabilität und Blutung im Fokus

Episode von DocYouUp - Bring dein Wissen aufs nächste Level! von DocYouUp · 19. September 2026 · 37 min

🦴 Beckenringfrakturen: Stabilität und Blutung im Fokus

Bei jeder relevanten Beckenverletzung zwei Fragen parallel beantworten:

• Ist der Beckenring mechanisch stabil?

• Besteht eine relevante Blutung mit hämodynamischer Instabilität?

Entscheidend für die Stabilität ist der hintere Beckenring.

🧠 Anatomie und Instabilität

Der Beckenring besteht dorsal aus Sakrum, Iliosakralgelenken und kräftigen Bandstrukturen, ventral aus Schambeinen und Symphyse.

• Hinterer Ring intakt: meist stabil

• Teilweise unterbrochen: rotatorisch instabil

• Vollständig unterbrochen: rotatorisch und vertikal instabil

Acetabulumfrakturen sind von Beckenringfrakturen abzugrenzen, da Diagnostik und Therapie deutlich abweichen.

🚑 Typische Konstellationen

Jüngere Patient:innen:

• Hochrasanztrauma, Sturz aus Höhe, Verkehrsunfall

• Häufig Polytrauma und relevante Blutung

Ältere Patient:innen:

• Niedrigenergietrauma bei Osteoporose

• Fragilitätsfrakturen, oft mit übersehener dorsaler Sakrumfraktur

• Bei persistierenden Leisten-, Gesäß- oder tief lumbalen Schmerzen: großzügig CT einsetzen

📊 Klassifikation

AO-Klassifikation:

• Typ A: hinterer Ring intakt, stabil – meist konservativ

• Typ B: partielle dorsale Unterbrechung, rotatorisch instabil – z. B. Open-Book- oder laterale Kompressionsverletzung

• Typ C: vollständige dorsale Unterbrechung, rotatorisch und vertikal instabil – meist operative Stabilisierung

Fragilitätsfrakturen nach Rommens:

• FFP I–II: häufig konservativer Therapieversuch

• FFP III–IV: meist operative Stabilisierung bei dorsaler Instabilität oder fehlender Mobilisierbarkeit

🩸 Schockraum: Blutung kontrollieren

Eine instabile Beckenfraktur kann mehrere Liter retroperitoneal bluten. Ein negatives E-FAST schließt diese Blutung nicht aus.

Bei Hypotonie, Tachykardie, Laktaterhöhung oder Base Deficit:

• ABCDE-Versorgung und Traumateam aktivieren

• Großlumige Zugänge, Kreuzblut, Gerinnung, Blutgasanalyse

• Massivtransfusionsprotokoll nach lokalem Standard

• Tranexamsäure früh erwägen, ideal innerhalb von 3 Stunden

• Kristalloide zurückhaltend einsetzen

🩹 Beckengurt richtig anwenden

Bei Verdacht auf instabile Verletzung oder hämodynamischer Instabilität:

• Beckengurt über den Trochanteren anlegen

• Nicht über Bauch oder Beckenschaufeln positionieren

• Beine bei Bedarf vorsichtig innenrotieren und zusammenfixieren

• Keine wiederholte Beckenfederung: Hämatome können destabilisiert und Blutungen verstärkt werden

Bei anhaltender Instabilität: Beckenzwinge, Fixateur externe, präperitoneales Packing und/oder Angioembolisation – abhängig von Blutungsquelle und lokaler Expertise.

🔎 Untersuchung und Bildgebung

Warnzeichen:

• Perineale, inguinale oder gluteale Hämatome

• Blut aus Urethra, Vagina oder Anus

• Beinlängendifferenz, Beckenschiefstand, neurologische Ausfälle

• Reithosenanästhesie, Blasen- oder Mastdarmstörung

Bei Verdacht auf Harnröhrenverletzung keinen transurethralen Katheter ohne vorherige Abklärung.

CT mit Kontrastmittel ist bei Hochrasanztrauma, Polytrauma und unklaren Schmerzen im Alter besonders wertvoll.

🏥 Weiterbehandlung

Konservativ:

• Ausreichende Analgesie

• Frühfunktionelle, schmerzadaptierte Mobilisation

• Thromboseprophylaxe nach Blutungskontrolle

• Frühzeitige Reevaluation bei Schmerzen oder Mobilisationsproblemen

Operativ bei:

• Instabilen Typ-B- und Typ-C-Verletzungen

• Dislokation oder Symphysensprengung

• Dorsaler Instabilität

• Progredienter Dislokation oder anhaltender Immobilität

⚠️ Wichtige Komplikationen

• Hämorrhagischer Schock

• Urogenitale, rektale, vaskuläre und neurologische Verletzungen

• Thrombose und Lungenembolie

• Infektion, Pseudarthrose, Implantatprobleme

• Chronische Schmerzen sowie Blasen-, Darm- und Sexualfunktionsstörungen

🎯 Take-home-Message

Blutung kontrollieren, Becken früh stabilisieren, dorsale Instabilität erkennen und eine sichere, frühzeitige Mobilisation ermöglichen.

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