Akute Wunden und Wundverschluss
Episode von DocYouUp - Bring dein Wissen aufs nächste Level! von DocYouUp · 16. September 2026 · 40 min
🦷 Bissverletzungen: klein kann tief sein
Bisswunden sind immer potenziell kontaminiert. Besonders Katzenbisse wirken oft harmlos, können aber tiefe bakterielle Bisskanäle verursachen. Höchstes Infektionsrisiko: Katzenbiss, Menschenbiss, Hundebiss.
🔍 Strukturierte Ersteinschätzung
Wichtige Anamnese:
• Tierart bzw. Indexperson, Zeitpunkt und Unfallmechanismus
• Fight-Bite? Kleine Wunde über dem Mittelhandköpfchen = chirurgischer Notfall, bis ausgeschlossen
• Impfstatus des Tieres, Beobachtbarkeit, Tollwutrisiko
• Tetanusstatus
• Diabetes mellitus, Immunsuppression, Nieren- oder Lebererkrankung, pAVK, Nikotinkonsum
• Implantate sowie Antikoagulanzien und Thrombozytenaggregationshemmer
🩺 Untersuchung und Dokumentation
Wunde nach vorsichtiger Reinigung genau beurteilen: Tiefe, Unterminierungen, Fremdkörper, Blutung, Schwellung und Infektionszeichen.
An Extremitäten immer pDMS vor und nach Maßnahmen dokumentieren:
• periphere Durchblutung
• Motorik
• Sensibilität
An der Hand gezielt Sehnenfunktion, Gelenkbeweglichkeit, Sensibilität und Durchblutung prüfen. Bei unklarem Wundgrund, Fremdkörper-, Fraktur-, Sehnen- oder Gelenkverdacht: Bildgebung bzw. chirurgische Abklärung.
🚨 Wann sofort chirurgisch vorstellen?
Dringliche Zuweisung bei:
• tiefen, großen oder klaffenden Wunden
• Hand, Gesicht, Fuß oder Genitalien
• möglicher Sehnen-, Gelenk-, Knochen-, Nerven- oder Gefäßbeteiligung
• Infektionszeichen oder systemischer Symptomatik
• Nähe zu Implantaten
• relevanter Immunsuppression oder schlecht eingestelltem Diabetes
• Fight-Bite-Verletzung
Erstversorgung: Blutung komprimieren, steril abdecken, ruhigstellen, hochlagern. Keine tiefen Manipulationen, wenn eine operative Versorgung absehbar ist.
💧 Lokale Wundversorgung
Die wichtigste Infektionsprophylaxe ist die gründliche mechanische Reinigung und Spülung mit steriler 0,9%iger Kochsalzlösung.
Bisswunden werden meist offen behandelt. Ein primärer Wundverschluss ist die Ausnahme – etwa bei ausgewählten frischen Gesichtsverletzungen nach sorgfältiger Reinigung und chirurgischer Beurteilung.
Kontrolle nach 24–48 Stunden, bei Katzenbiss an der Hand möglichst am Folgetag.
💊 Antibiotika
Eine Prophylaxe ist besonders sinnvoll bei Katzen- und Menschenbissen, tiefen Punktionswunden, Hand-/Gesichts-/Fußverletzungen, verzögerter Vorstellung und Risikopatienten.
Häufige orale Erstwahl bei Erwachsenen:
Amoxicillin/Clavulansäure, unter Berücksichtigung von Nierenfunktion, Allergien, Schwangerschaft und lokalen Leitlinien.
Klinisch infizierte, tiefe oder systemische Verläufe benötigen eine therapeutische Antibiotikagabe, chirurgische Mitbeurteilung und gegebenenfalls intravenöse Therapie.
🦠 Besondere infektiologische Risiken
• Katzenbiss: Pasteurella multocida, rasche Verschlechterung möglich
• Hunde-/Katzenbiss bei Asplenie, Immunsuppression oder Alkoholabhängigkeit: an Capnocytophaga und fulminante Sepsis denken
• Menschenbiss: breite Mundflora inklusive Eikenella corrodens
• Relevanter Blutkontakt bei Menschenbiss: HIV-PEP sowie Hepatitis-B-/C-Abklärung zeitkritisch prüfen
• Fledermäuse, Wildtiere, importierte oder auffällige Tiere: sofortige Tollwut-Abklärung; lokale Reinigung mindestens 15 Minuten
🩹 Wundheilung: kurz eingeordnet
Saubere, adaptierte Wunden können primär heilen. Kontaminierte oder defekte Wunden heilen sekundär über Granulationsgewebe und Narbenbildung. Heilungsstörungen fördern unter anderem Hypoxie, Diabetes, Rauchen, Durchblutungsstörungen, Mangelernährung, Druck und Infektion.
🎯 Take-home-Message
Nicht die Größe der Hautöffnung entscheidet, sondern Tiefe, Lokalisation, Kontamination und mögliche Beteiligung kritischer Strukturen. Genau untersuchen, großzügig spülen, pDMS dokumentieren, Tetanus prüfen, früh kontrollieren – und bei Zweifel chirurgisch vorstellen.
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