Smartes Cockpit und HMI: Deshalb ist es wichtig
Episode von Klartext - Der Mobilitäts-Podcast der Autogazette von Frank Mertens · 15. Mai 2026 · 56 min
Früher war der Innenraum eines Autos minimalistisch: Man stieg ein, fuhr los, kam an. Heute ist der Innenraum zu einem digitalen Erlebnisraum geworden, in dem gefahren, gesprochen, geplant, gestreamt und zunehmend auch gearbeitet wird. Das Auto wird zur Benutzeroberfläche – und genau darin liegt eine der tiefgreifensten Veränderungen der Branche.
Der Begriff „Smart Cockpit“ klingt zunächst nach Marketing, beschreibt aber eine reale Verschiebung. Gemeint ist nicht einfach ein großer Bildschirm, sondern ein vernetztes, kontextsensitives System aus Displays, Sprachsteuerung, Sensorik und Software.
Für den Digitalexperten Henry Bauer vom Software-Unternehmen Endava zeichnet sich das „Smart Cockpit“ dadurch aus, dass die Bedienelemente im Fahrzeug vernetzt und kontextsensitiv sind, wie er im aktuellen Podcast Klartext der Autogazette im Gespräch mit Frank Mertens sagt.
Das Auto soll nicht mehr nur Befehle entgegennehmen, sondern situativ reagieren – also je nach Fahrsituation, Umgebung und Nutzerbedürfnis unterschiedliche Informationen in den Vordergrund rücken, wie Bauer sagt, der bei Endava Head of Automotive Europe ist.
Zwischen den Herstellern hat längst ein globaler Wettlauf begonnen. Mit dem softwaredefinierten Fahrzeug verlagert sich der Wettbewerb der Hersteller auch sichtbar in den Innenraum. Nicht mehr nur Reichweite, Fahrwerk oder Leistung entscheiden über Attraktivität, sondern die Qualität der Interaktion. Wer ein Auto verkauft, verkauft heute auch eine Bedienlogik, ein Interface, ein Gefühl von digitaler Souveränität.
Besonders dynamisch entwickelt sich dieser Markt in China. Dort wird das Auto stärker als digitaler Erlebnisraum gedacht, in dem Komfort, Status und Unterhaltung eng zusammengehören. Europäische Hersteller dagegen punkten traditionell eher mit Markenführung, Robustheit und regulatorischer Sicherheit. Bauer beschreibt das nüchtern: „Da können wir was von Chinesen lernen.“ Gleichzeitig verweist er darauf, dass europäische Marken andere Stärken mitbringen – vor allem dann, wenn digitale Systeme weltweit verlässlich und regelkonform funktionieren müssen.
Im Premiumsegment gilt Mercedes als einer der Vorreiter dieser Entwicklung. Das MBUX-System, der Hyperscreen und die starke visuelle Inszenierung des Innenraums zeigen, dass Benutzeroberflächen längst Teil des Markenversprechens geworden sind. Für Bauer ist genau das ein Grund, warum Mercedes in Europa als Benchmark wahrgenommen wird: „Mercedes hat früh verstanden, dass das Bedienerlebnis Teil der Marke ist.“ Es gehe eben nicht nur darum, ein großes Display zu verbauen, sondern darum, dass sich das System hochwertig, schlüssig und lernfähig anfühlt.
Doch genau an diesem Punkt beginnt auch das Dilemma der neuen Cockpitwelt. Denn mehr Bildschirm bedeutet nicht automatisch mehr Qualität. Im Gegenteil: Je mehr Funktionen auf Displays wandern, desto größer wird das Risiko der Überforderung. Bauer benennt das sehr klar. Sein persönliches No-Go sei „das Verstecken von Funktionalität in riesigen Touchscreen-Menüstrukturen“. Seine Aussage trifft dabei einen Nerv, weil er ein Grundproblem vieler moderner Fahrzeuge beschreibt: Was futuristisch aussieht, ist im Alltag nicht immer intuitiv.
Gerade deshalb kommt der Sprachsteuerung eine besondere Rolle zu. Im besten Fall erlaubt sie dem Fahrer, Aufgaben zu erledigen, ohne die Hände vom Lenkrad oder die Augen von der Straße zu nehmen. Im schlechtesten Fall wird sie selbst zur Ablenkung. Spannend ist, dass sich die Debatte nicht mehr allein um den Fahrer dreht.
Der Beifahrer-Screen ist dafür das beste Beispiel. Was lange wie ein luxuriöses Extra wirkte, kann in Wahrheit ein funktionales Element sein – wenn er die Rollen im Auto sinnvoll trennt. Während der Fahrer sich auf die Straße konzentriert, kann der Beifahrer Route, Restaurantstopp oder Pausenplanung übernehmen. Bauer nennt das einen „signifikanten Mehrwert“. Auf längeren Fahrten entsteht eine neue Form der Arbeitsteilung im Innenraum.
Foto: Mercedes
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