Krönchen richten, Mund abputzen. Fürs Trauern haben wir leider keine Zeit? #44
Episode von Kannste dir nicht ausdenken! von Jule Kieseler · 15. September 2026 · 25 min
Moini ihr Raketen 🚀
Letzten Montag ist meine Omi gestorben. Einer meiner absoluten Herzensmenschen.
Dienstag habe ich noch Termine abgesagt. Mit schlechtem Gewissen.
Mittwoch bin ich wieder arbeiten gegangen.
Nicht, weil ich fertig war mit Trauern. Sondern weil ich selbstständig bin, Rechnungen bezahlt werden müssen und das Leben offensichtlich nicht anhält, nur weil gerade einer der wichtigsten Menschen aus meinem verschwunden ist.
Und darum geht es heute ganz konkret:
Wann soll man eigentlich trauern?
In Deutschland gibt es keinen allgemeinen gesetzlichen Trauerurlaub. Gleichzeitig gibt es Kulturen und Religionen, in denen Trauer ganz selbstverständlich einen festen Platz bekommt: Menschen kommen zusammen, übernehmen den Alltag, bringen Essen, halten Rituale ab – und geben dem Verlust Zeit und Raum.
Warum haben wir diesen Raum so weitgehend verloren?
Ich spreche mit Melle darüber, wie unterschiedlich Menschen trauern. Darüber, dass jemand nach drei Jahren noch um seinen verstorbenen Partner weinen darf – und jemand anderes wenige Monate nach einem Verlust wieder lieben und glücklich sein darf. Beides kann richtig sein. Denn niemand von außen kann festlegen, wann Trauer „angemessen“, „zu viel“ oder endlich vorbei ist.
Wir sprechen auch über diesen merkwürdigen Satz:
„Sie war doch schon 94.“
Ja. Meine Omi durfte 94 Jahre alt werden. Und natürlich bin ich dankbar dafür.
Aber sie war trotzdem mein Lieblingsmensch.
Ich kann sie nicht mehr anfassen. Nicht mehr hören. Nicht mehr sehen. Nicht mehr riechen.
Natürlich tut mir das für mich weh.
Und vielleicht müssen wir endlich aufhören, Verlust danach zu bemessen, wer gestorben ist, wie alt dieser Mensch war oder welchen Verwandtschaftsgrad wir auf dem Papier miteinander hatten.
Melle und ich sprechen über unsere eigenen Verluste, über Menschen, die mit großen Gefühlen nicht umgehen können, über Nachbarschaft und Gemeinschaft – und über eine Freundin, die nach einem Todesfall in Nigeria etwas erlebt hat, das ihr in Deutschland gefehlt hatte: Menschen, die ihre Trauer nicht wegmachen wollten. Die mit ihr geweint, sie gehalten und ihren Schmerz einfach ausgehalten haben.
Vielleicht brauchen wir genau das wieder ein bisschen mehr.
Ein Dorf. Nicht jemanden, der die richtigen Worte findet.Nicht jemanden, der uns erklärt, dass das Leben weitergeht.Nicht jemanden, der entscheidet, wann es nun aber auch mal gut sein muss.
Sondern manchmal einfach jemanden, der neben uns sitzt, während wir den ganzen Tisch vollheulen.
Denn, wie Melle am Ende sagt:
Gefühle sind Gefühle. Und wenn sie rausbrechen, ist es schön, wenn jemand da ist, der das aushalten kann.
Oder noch kürzer: Gefühle sind da, um gefühlt zu werden.
Eine etwas andere Folge von „Kannste dir nicht ausdenken“. Persönlicher. Leiser. Aber vielleicht gerade deshalb eine wichtige.
Wenn ihr gerade jemanden vermisst – oder jemanden kennt, der trauert – dann ist diese Folge vielleicht für euch. ❤️
Weitere Episoden von „Kannste dir nicht ausdenken!“
- Hinweis zu meiner aktuellen Situation 23. Oktober 2026
- Pornoabteilung für Weihnachtsmänner #51 20. Oktober 2026
- Räuberleiter statt Stutenbissigkeit - Vier Frauen, drei Alterlügen und ein Podcast-Jubiläum #50 13. Oktober 2026
- Ich gebe keine Pressekonferenzen mehr! Über Rechtfertigung und fremde Meinungen #49 6. Oktober 2026
- Mein Körper, mein Baby, MEINE Geburt! #48 29. September 2026
- Ich wollte doch nur eine Gurke kaufen - Barfuß im Supermarkt und andere Begegnungen mit der Macht des kleinen Mannes #47 25. September 2026
- It's never what you think #46 22. September 2026
- 12€ für's Training?! Zu teuer!!! #45 18. September 2026
- Mach mal deinen Shit-Keller leer! Über öffentliche Empörung, Gruppendynamik und Dreck vor der eigenen Haustür #43 11. September 2026
- Plazentamol, blaue Pillen und andere Missverständnisse #42 4. September 2026
- Männer nur noch ambulant - Über das Altwerden, Selbstbestimmung und warum wir ein ganzes Dorf brauchen #41 1. September 2026
- Wie viel ist dir deine Lebenszeit wert? Über Hypnose, Geld und Investitionen in dich selbst #40 28. August 2026
- Kindesunterhalt, Kackiteilchen und die Kommentarhölle 25. August 2026
- Freundlich wäre keine Information verloren gegangen #38 21. August 2026
- Sorgerecht ja, Sorgepflicht offenbar optional - Über Kinder-Reha, Alleinerziehende, Unterhalt und deutschen Behördenirrsinn #37 18. August 2026
Alle Episoden von Kannste dir nicht ausdenken! · Mehr Comedy-Podcasts