Katja Petrowskaja über Bilder, Kriege und die Freiheit der Sprache
Episode von DEAR READER von Mascha Jacobs, Center for Literature · 21. Juli 2022 · 1 h 34 min
Dieses Mal ist die Schriftstellerin Katja Petrowskaja bei DEAR READER zu Gast. Die auf Deutsch schreibende russischsprachige Ukrainerin hat 2014 einen der besten Texte der letzten Jahrzehnte veröffentlicht. „Vielleicht Esther“ bei Suhrkamp erschienen. Für einen Auszug aus dem Erzählband hatte sie im Jahr davor den Bachmannpreis gewonnen. „Vielleicht Esther“ wurde in dreißig Sprachen übersetzt. Das fragmentarische Erzählen beherrscht Katja Petrowskaja so gut, dass hier Komik und die Beschreibung unermesslicher Brutalitäten nebeneinanderstehen können. Die Veröffentlichung fiel in eins mit dem Euromaidan und der Annexion der Krim. Und auch ihr aktuelles Buch „Das Foto schaute mich an“ ist vom Krieg umklammert. Die in der Bibliothek Suhrkamp erschienene Textsammlung ist eine Auswahl ihrer Fotokolumnen aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Seit Jahren verliebt sich Katja Petrowskaja alle drei Wochen öffentlich in ein Bild. Es sind ganz unterschiedliche Bilder, bekannte Kunstfotografien von Francesca Woodman, Schnappschüsse, Archivbilder, Plattencover, Pressebilder oder Rayogramme radiokativer Pflanzen. Und so divers wie das Material sind auch die kleinen Geschichten, die Petrowskaja aus diesen Bildern heraus entwickelt.
Was ihre Art zu schreiben und ihre Methoden des Sehens mit ihrer Lesebiografie, ihrem Studium der Literaturwissenschaft in Estland bei Jurij Lotman, einem der Mitbegründer der Moskau-Tartu Schule für Kultursemiotik zu tun hat und ob Bücher und Kunst auch eine Art Widerstand gegen den Krieg sein können, darüber unterhalten sich Mascha Jacobs und Katja Petrowskaja. Sie sprechen über den aktuellen Krieg in der Ukraine, über den Zweiten Weltkrieg, Gleichzeitigkeiten, Freiheit, Sprache, Berlin, Kyiv, Totalitarismus, Fotografien,Erfahrungen, Frauen in der Mitte des Lebens, Widerstand, Wolken, Alice im Wunderland, Tschernobyl, Gewalt, Haltung, Ohnmacht, Widerstand und über die Liebe. Hinter all dem steht die Frage, wie man mit den Katastrophen dieser Welt leben kann, ohne zu resignieren oder verrückt zu werden.
Katja Petrowskaja hat ein vor Kurzem gelesenes Buch „Abhängigkeit“ von Tove Ditlevsen (Aufbau Verlag/No Kidding Press) und einen weiteren für sie sehr wichtigen Text das Hohelied – Shir ha-schirim – aus dem Alten Testament (Deutsche Bibelgesellschaft), übersetzt von Martin Buber, mitgebracht.
Weitere Episoden von „DEAR READER“
- Jehona Kicaj über Sprachlosigkeit 27. November 2025
- Annekathrin Kohout über die Reaktionskultur und Hyperinterpretation 23. Oktober 2025
- Marius Goldhorn über Dopplungen und Gegenwarten 25. September 2025
- Sebastian Guggolz über Vertrauen 24. Juli 2025
- Mara Genschel über instabile Texte 1. Juli 2025
- Simoné Goldschmidt-Lechner über Nerdkultur und Fandom aus migrantisierter Perspektive 22. Mai 2025
- Julia Friese über das Verrecken im Warteraum der Zukunft 24. April 2025
- Aria Aber über Literatur zwischen den Welten 28. März 2025
- Stefanie Sargnagel über Humor, Armut, Freundschaft und unsentimentales Schreiben 19. Dezember 2024
- Enis Maci über gemeinsame Obsessionen und kollaborative Literatur 21. November 2024
- Fabian Saul über Refrains und Verunsicherung 24. Oktober 2024
- Barbi Marković über Allegorien und Abenteuer 26. September 2024
- Maren Kames über Zeitlichkeit und Texte, die atmen 22. August 2024
- Anne Weber über literarische Unerschrockenheit 25. Juli 2024
- Dana von Suffrin über große und kleine Geschichte(n) 28. März 2024