Maren Kames über Zeitlichkeit und Texte, die atmen
Episode von DEAR READER von Mascha Jacobs, Center for Literature · 22. August 2024 · 1 h 04 min
Dieses Mal ist Maren Kames bei DEAR READER zu Gast. Hasenprosa heißt ihr dieses Jahr bei Suhrkamp erschienenes Buch, in dem ein Hase eine Ich-Erzählerin antreibt, Verwirrung stiftet oder Dinge klarstellt. Auf einer gemeinsamen Reise durch Jahrhunderte, Kontinente, Zeiten, Sprachtemperamente, durch Familien- und Sternkonstellationen, mal in einem Strichflieger plötzlich auf einem Hoverboard. „Ein Kippbild zwischen Abenteuer und Memoir, Magie und Alltag“, heißt es im Klappentext und eine gute Zusammenfassung für einen Text, der auch deshalb so wunderschön ist, weil er sich nicht zusammenfassen lässt.
Friederike Mayröcker ist in der Hasenprosa von Maren Kames so etwas wie ein „Zweithase“ (Paul Jandl in einer Rezension über den Roman). Friederike Mayröckers Mein Herz mein Zimmer mein Name, 1988 ebenfalls im Suhrkamp Verlag erschienen, ist deswegen auch einer der mitgebrachten Lieblingstexte, der Autorin und Übersetzerin. Einige Sätze aus Mein Herz mein Zimmer mein Name werden explizit zitiert, manchmal wird Mayröcker direkt angesprochen, die Texte nähern sich streckenweise auch strukturell an, etwa in ihrem Umgang mit Zeitlichkeit. Mal tropft die Sprache, bis sie fast stillsteht, plötzlich rast, ergießt sich schwallartig. Mascha Jacobs und Maren Kames denken an einem heißen Sommerabend über die Verbindungen zwischen den beiden Texten nach, darüber wie sie Profundes und Profanes mischen, Abstraktes und Konkretes verwirren, „also dem Abstrakten die Maske des Konkreten verleihen und umgekehrt“ (wie es Friederike Mayröcker Mein Herz mein Zimmer mein Name formuliert hat). Aber auch wann es einen Rhythmus braucht und wann er gestört werden sollte.
Maren Kames kennt sich mit Rhythmen und Stimmen besonders gut aus, das zeigen schon ihre früheren Texte, die an der Schnittstelle von Stimme, Sound und Raum wohnen. Die 1984 geborene Autorin und Übersetzerin liebt Musik, das weiß man, wenn man ihre Texte gelesen hat. Sie hat als zweiten mitgebrachten Text einen Song von Die Firma, Die Eine mitgebracht, der zunächst 1996 als Single und dann 1998 auf dem Debütalbum der Band Spiel des Lebens/Spiel des Todes bei La Cosa Mia (Rough Trade) veröffentlicht wurde.
Maren Kames, 1984 in Überlingen am Bodensee geboren, lebt als freie Autorin und Übersetzerin in Berlin. Ihre Bücher HALB TAUBE HALB PFAU (2016) und LUNA LUNA (2019) wurden viel beachtet und mehrfach ausgezeichnet. Beide Bücher wurden als Hörspiele umgesetzt, und LUNA LUNA wurde zur Spielzeiteröffnung 2022 am Schauspiel Leipzig uraufgeführt. Hasenprosa ist ihr erstes Buch im Suhrkamp Verlag.
Rezension von Paul Jandl über Hasenprosa von Maren Kames:
https://www.nzz.ch/feuilleton/maren-kames-schreibt-wie-alice-im-wunderland-und-friederike-mayroecker-im-duo-ld.1836656
Die Firma „Die Eine“ (1996 als Single und dann 1998 auf dem Debütalbum der Band Spiel des Lebens/Spiel des Todes bei La Cosa Mia (Rough Trade) veröffentlicht):
https://www.youtube.com/watch?v=B_UubU2rxJw
https://genius.com/Die-firma-die-eine-1996-lyrics
Wespennest Sonderheft: Friederike Mayröcker. Die herrschenden Zustände:
https://wespennest.at/w_zeitschrift.php?id=UzAz
Weitere Episoden von „DEAR READER“
- Jehona Kicaj über Sprachlosigkeit 27. November 2025
- Annekathrin Kohout über die Reaktionskultur und Hyperinterpretation 23. Oktober 2025
- Marius Goldhorn über Dopplungen und Gegenwarten 25. September 2025
- Sebastian Guggolz über Vertrauen 24. Juli 2025
- Mara Genschel über instabile Texte 1. Juli 2025
- Simoné Goldschmidt-Lechner über Nerdkultur und Fandom aus migrantisierter Perspektive 22. Mai 2025
- Julia Friese über das Verrecken im Warteraum der Zukunft 24. April 2025
- Aria Aber über Literatur zwischen den Welten 28. März 2025
- Stefanie Sargnagel über Humor, Armut, Freundschaft und unsentimentales Schreiben 19. Dezember 2024
- Enis Maci über gemeinsame Obsessionen und kollaborative Literatur 21. November 2024
- Fabian Saul über Refrains und Verunsicherung 24. Oktober 2024
- Barbi Marković über Allegorien und Abenteuer 26. September 2024
- Anne Weber über literarische Unerschrockenheit 25. Juli 2024
- Dana von Suffrin über große und kleine Geschichte(n) 28. März 2024
- Klaus Theweleit über Schreib- und Lebensweisen - Teil 2 21. Dezember 2023