Mara Genschel über instabile Texte
Episode von DEAR READER von Mascha Jacobs, Center for Literature · 1. Juli 2025 · 1 h 10 min
Dieses Mal ist Mara Genschel bei DEAR READER zu Gast. Vielleicht erinnert ihr euch an ihren Auftritt beim Wettbewerb um den Ingeborg Bachmann Preis 2022, als diese Schönheit mit Schnurrbart mit leicht bescheuerten amerikanischen Akzent, einen sehr lustigen, verspielten, konzeptuellen und abgründigen Text vorgelesen hat. Er heißt DAS FENSTER ZUM HOF. Der Text ist Teil der „Midlife-Prosa“, wie Mara Genschel ihre Textsammlung genannt hat, die 2024 im Engeler Verlag erschienen ist. Im Untertitel steht „Performative Erzählungen“. Denn die Texte sind nicht nur für Performances geschrieben, sondern oft selbst performativ. Der Text übernimmt dann plötzlich, schreibt über die Autorin, verwirft sich, streicht sich durch. Die Texte werden zu einer Bühne.
Ein weiteres Motiv vieler Texte ist die Suche nach einem Titel. Man hat manchmal den Eindruck, die Texte hätten keine Lust sich festzulegen, starr zu werden.
Vielmehr interessiert sich die Autorin Mara Genschel dafür, was aus den Texten werden kann, und wie sie sich in der Konfrontation mit einem Publikum verändern. Damit fordert sie die normative Regelpoetik heraus. Sie hat ein Händchen dafür, Inhalt und Form auf humorvolle Weise auseinanderklaffen zu lassen. Zudem macht sie die gängigen Textkonventionen sichtbar, indem sie diese spielerisch unterläuft.
Mascha Jacobs ist fasziniert von Mara Genschels konzeptuellen und musikalischen Texten! Von ihrer literarischen Institutionskritik, die klug spielerisch und sinnlich zugleich ist.
Mara Genschel hat „Einkreisung eines dicken Mannes“ mitgebracht, die Titelerzählung des gleichnamigen Bandes von Paul Pörtner, der 1968 bei Kiepenheuer und Witsch erschienen ist. Außerdem hat sie „Geist der Peinlichkeit“ von Birgit Kempker dabei, das 2022 im Engeler Verlag erschienen ist.
Mara Genschel arbeitet als Schriftstellerin und Performerin an einem Literaturbegriff, der nicht nur das klassische "Buch" umfasst. Die Performativität ihrer Texte entfaltet sich sowohl in speziellen Publikationskonzepten (etwa ihrer 2012-2016 in Kleinstauflage erschienenen und heute nur noch ausleihbaren "Referenzfläche") als auch in der bewussten Begegnung mit dem Publikum. Sie arbeitet interdisziplinär, auch in der Neuen Musik manchmal und im Hörspiel. Sie war Gastdozentin am Institut für Sprachkunst an der Angewandten in Wien, an der Kunstuni Linz und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Und arbeitet zur Zeit als Dozentin an der Kunshochschule für Medien Köln. 2024 hat sie die Hildesheimer Poetikvorlesung gehalten. Neben vielen anderen Publikationen und interdisziplinären Arbeiten erschienen 2024 das Hörspiel "Utopische Dialoge" (SWR2) und "Midlife-Prosa" (Engeler Verlag). Und im September 2025 erscheint „Das narzisstische Skript“ (Theorie und Praxis) eine erste kleine Werkschau bei edition text + kritik.
Mara Genschel: Midlife-Prosa. Performative Erzählungen. Engeler Verlag 2024.
Paul Pörtner: Einkreisung eines dicken Mannes. Erzählungen, Beschreibungen, Grotesken. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1968.
Birgit Kempker: Geist der Peinlichkeit. Engeler Verlag 2022.
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