"Das hat mich ziemlich angekotzt"

Episode von Wie war das im Osten? von DIE ZEIT · 3. Juni 2019 · 2 h 17 min

Jana Schlosser war Punk in der DDR und prangerte den SED-Staat an. In

unserem Ostpodcast spricht sie über Protest, Anwerbeversuche der Stasi

und ihre Zeit im Gefängnis.

Die DDR war ein Staat, in dem es viele Regeln und eine strenge

Überwachung gab. Trotzdem existierten Nischen und Subkulturen. Eine von

ihnen waren die Punks. Jana Schlosser war eine der wenigen Frauen in

dieser Szene. In unserem Podcast "Wie war das im Osten?" erzählt sie,

wie sie als Teenager in Halle zum Punk kam – und welchen Widerständen

sie sich damit aussetzte. Fremde Leute beschimpften sie, ihre Eltern

warfen sie raus. Außerdem rückte sie schnell ins Visier der Staatsmacht.

Aber Schlosser wollte "nicht kuschen", wie sie sagt, sich den Protest

und das Anderssein nicht verbieten lassen. Ihr war es wichtig, offen

anzusprechen, "was sich sonst keiner getraut hat". Hätte sie allerdings

gewusst, was sie erwartet, sagt sie heute im Rückblick: "Weiß ich nicht,

ob ich nicht weniger mutig gewesen wäre".

Als Punkerin hatte sie es auch mit ganz praktischen Problemen zu tun:

Ihre Haare färbte sie mit Füllertinte. Ihr Outfit bastelte sie aus

Gardinen. Die Texte ihrer Band musste sie verstecken. Als Punk in der

DDR musste man nicht nur mutig, sondern auch kreativ sein.

Schlosser ging nach Ost-Berlin und lebte dort in besetzten Häusern. Sie

gründete die Band "Namenlos". Weil sie es cool fanden, keinen Namen zu

haben. Und weil sie es der Stasi schwerer machen wollten. Punkmusik war

für sie der beste Weg, um ihre Wut "herausschreien zu können".

Die Lieder, die sie sang, schrieb sie meist selbst. Darin klagte sie

schonungslos und offen die Stasi an, den Grenzschutz und andere

Missstände der DDR. Die Lieder trugen Titel wie "MfS-Lied", "Nazis in

Ost-Berlin" oder "Lied über die Staatsgrenze". Manche avancierten zu

Kultsongs im Punkmilieu.

Die Staatsmacht indes hat sich das nicht gefallen lassen. "Diese

Elemente sind nicht mehr mit Samthandschuhen anzufassen", hieß es in

einem staatlichen Anti-Punker-Erlass von 1983. Die Szene sollte

zerschlagen werden. Sie wurde mit zahlreichen Spitzeln unterwandert.

Auch Jana Schlosser hat die Stasi versucht anzuwerben, erfolglos.

Stattdessen wurde die komplette Band verhaftet und verurteilt. Ihr

Verteidiger war der spätere Ministerpräsident Lothar de Maizière. Es

half wenig. Sie landete im berüchtigten Frauen-Gefängnis Hoheneck – mit

Schwerverbrecherinnen in einer 16er-Zelle und vielen anderen Schikanen.

Dreimal musste sie in den Arrest, einmal für 21 Tage. Noch heute leidet

sie daran, "wie ich weggenommen worden bin vom Staat in der

kraftvollsten Phase meines Lebens".

Dennoch sagt sie Rückblick auf ihre Punkzeit: "Mit meinen Kumpels war

ich total glücklich. Das war eine sehr erfüllte und glückliche Zeit."

Trotz der Repressionen sei es "gut gewesen, Stärke zu zeigen".

Mal witzig, mal anrührend spricht Jana Schlosser in unserem Podcast über

ihr hartes Leben als Außenseiterin – und über die ungeschriebenen

Gesetze in der ostdeutschen Punkerszene. Sie lebt in Berlin und ist in

dem Stück Atlas des Kommunismus im Maxim-Gorki-Theater zu sehen.

Und: Sie singt. Hier die Inhaltsübersicht mit Minutenangaben:

- Begrüßung: Punk in der DDR

- Rubrik: Was vermissen Sie an der DDR? (3:20)

- Wer ist Jana Schlosser? (5:35)

- Punkzeit in Halle: Wie man sich im Sozialismus ein Outfit bastelt

(7:00)

- Rubrik: Ost-Humor (44:20)

- Punkzeit in Berlin: zwischen Repression und Freiheit (46:00)

- Rubrik: Mach's yourself (1:16:55)

- Rebellion durch Musik: Jana Schlossers Band "Namenlos" (1:18:20)

- Jana Schlosser singt! (1:20:15)

- Wie Polizei und Stasi gegen die Punks vorgingen (1:26:10)

- Der Prozess, die Verhaftung und die Zeit im Gefängnis Hoheneck

(1:34:45)

- Rubrik: Poesiealbum (2:02:50)

- Die Zeit nach dem Knast und nach der Wende (2:05:15)

- Rubrik: Was ist das Beste an der Wiedervereinigung? (2:14:35)

- Lied: Nazis in Ost-Berlin (2:16:45)

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