Kann man kPTBS und/oder Trauma online bearbeiten?
Episode von TICst du richtig? von Thomas Wissing · 13. Juli 2026 · 17 min
Kann man Menschen mit komplexen Traumatisierungen auch online professionell begleiten?
In diesem Video geht es um die Frage, ob Online-Traumatherapie, traumasensibles Coaching und professionelle Online-Begleitung auch bei komplexer PTBS möglich sind.
In der Fachwelt wird häufig behauptet, dass echte Resonanz, Co-Regulation, Blickkontakt und ein tragfähiges therapeutisches Arbeitsbündnis nur im direkten persönlichen Kontakt entstehen könnten. Ein Bildschirm könne die Person nicht vollständig erfassen, nonverbale Signale würden verloren gehen und eine komplexe Traumatisierung könne deshalb online nicht angemessen begleitet werden.
Doch was sagt die Wissenschaft wirklich?
In diesem Beitrag bespreche ich aktuelle Forschung zur Online-Traumatherapie bei komplexer PTBS, zur therapeutischen Beziehung per Video, zum Arbeitsbündnis in der Online-Therapie und zu traumafokussierten Verfahren im digitalen Setting.
Besprochen werden unter anderem folgende Studien:
Bongaerts et al. Ein großer Teil der Patientinnen und Patienten erfüllte die Kriterien einer komplexen PTBS. Zum Einsatz kamen unter anderem EMDR und Exposition. Die PTBS-Symptome gingen deutlich zurück, und es wurden keine Therapieabbrüche berichtet.
Cloitre et al. untersuchten die videobasierte Durchführung von STAIR. STAIR steht für „Skills Training in Affective and Interpersonal Regulation“ und arbeitet gezielt an Emotionsregulation, zwischenmenschlichen Schwierigkeiten, Grenzen, Bedürfnissen und Beziehungsgestaltung.
Bragesjö et al. Die Ergebnisse zeigen, dass selbst intensive traumafokussierte Online-Behandlung unter geeigneten Bedingungen sicher und professionell umgesetzt werden kann.
Zusätzlich geht es um Metaanalysen zum therapeutischen Arbeitsbündnis in der Videotherapie. Diese zeigen, dass Vertrauen, Zusammenarbeit und therapeutische Beziehung auch online tragfähig sein können.
Die bisherige Studienlage spricht klar gegen die pauschale Behauptung, dass Online-Arbeit bei komplexer Traumatisierung grundsätzlich unmöglich sei.
Entscheidend ist weniger die Frage, ob eine Begleitung online oder in Präsenz stattfindet.
Entscheidend sind:
– eine sorgfältige Eingangsklärung
– ein professioneller Rahmen
– ein tragfähiges Arbeitsbündnis
– klare Grenzen
– ein gutes Krisenmanagement
– die Fähigkeit zur Regulation und Co-Regulation
– fachliche Kompetenz
– und die Qualität der Begleitung
Gerade für Menschen mit Erfahrungen von Kontrollverlust, Grenzverletzungen oder Beziehungstrauma kann das Online-Setting sogar Vorteile bieten. Die eigene vertraute Umgebung, die Kontrolle über die körperliche Distanz und die reale Möglichkeit, eine Situation verlassen zu können, können Vertrauen, Sicherheit und Kontrolle stärken.
Online verändert die Kanäle der Wahrnehmung. Es löscht Beziehung, Resonanz und Präsenz nicht aus.
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