Interview mit Michele - Den ersten Knopf meines Anzugs öffnen / 107
Episode von Der ACT-Podcast ! schoen_achtsam von Christopher Schön · 19. April 2026 · 33 min
Das verinnerlichte Korsett unserer Existenz besteht aus jenen subtilen, oft unbewussten Introjekten und rigiden Narrativen, die wir im Laufe unserer Sozialisation als vermeintlich unumstößliche Wahrheiten integriert haben.
Diese psychische Einengung manifestiert sich in der Akzeptanz- und Commitment-Therapie vor allem als kognitive Fusion – ein Zustand, in dem wir mit unseren Gedanken verschmelzen und sie als absolute Realität missverstehen, anstatt sie als flüchtige mentale Ereignisse zu erkennen. Um dieses Korsett zu lockern, bedarf es einer konsequenten De-Konstruktion jener sprachlichen Strukturen, die unser Handeln durch imperativische Konzepte wie „ich muss“ oder „ich darf nicht“ einschränken.
Der erste Schritt zur Befreiung liegt in der Kultivierung des beobachtenden Selbst, jener transzendenten Instanz, die jenseits des konzeptualisierten Selbst existiert. Indem wir den Fokus von den Inhalten unseres Denkens auf den Kontext des Erlebens verschieben, schaffen wir den notwendigen psychologischen Raum, in dem das Korsett an Spannung verliert. Wir praktizieren die Defusion, indem wir die Sprache entmystifizieren und unsere Gedanken als das benennen, was sie sind: auditive oder visuelle Repräsentationen in einem ständigen Fluss. Dies ermöglicht es uns, die konzeptuelle Rigidität durch eine flexible Antwortbereitschaft zu ersetzen, die sich nicht mehr an alten Skripten, sondern an der funktionalen Analyse der gegenwärtigen Situation orientiert.
Die endgültige Ablösung vom verinnerlichten Korsett erfolgt durch die Hinwendung zum wertebasierten Handeln. Anstatt unsere Energie in den vergeblichen Versuch der emotionalen Kontrolle oder der Vermeidung von Unbehagen zu investieren, wählen wir bewusst Verhaltensweisen, die unseren tiefsten ontologischen Überzeugungen entsprechen. In diesem Moment transformiert sich das Korsett von einem Instrument der Unterdrückung in eine bloße historische Randnotiz unseres Bewusstseins. Wir entscheiden uns für die radikale Präsenz im Hier und Jetzt und akzeptieren die Fragilität, die mit der Aufgabe der alten Schutzmechanismen einhergeht, um eine Existenz zu führen, die nicht länger durch Angst begrenzt, sondern durch Sinnhaftigkeit geweitet wird.
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