Sucht in der Familie — Warum wir die Muster unserer Eltern oft wiederholen
Episode von Beziehungsecho🎙️ Beziehungen - psychologisch reflektiert von Katarina Fiehn · 2. März 2026 · 26 min
In dieser besonderen Premiere sitzen Cat und Christian erstmals vis-à-vis im Studio — nicht per Telefon, sondern live gegenüber. Ausgangspunkt ist Cats eigene Geschichte: ein alkoholabhängiger Vater, eine persönliche Krise in der Lebensmitte und die erneute Begegnung mit Sucht im nahen Umfeld.
Christian macht gleich zu Beginn klar: Sucht ist nicht automatisch Depression. Zwar können beide zusammen auftreten, doch Alkoholabhängigkeit ist eine eigenständige Erkrankung mit eigenen Diagnosekriterien. Entscheidend sei nicht die Etikette, sondern die Frage:
👉 Welche Funktion erfüllt die Sucht?
Menschen greifen zu Alkohol, Pornografie, Glücksspiel oder Social Media nicht aus Spaß an der Selbstzerstörung, sondern weil das Verhalten etwas reguliert — Angst, Leere, Stress, Einsamkeit oder Überforderung. Sucht wird so zum „Ast, auf dem man sitzt“. Nimmt man ihn weg, ohne Ersatz zu schaffen, droht der Absturz.
Ein zentrales Thema ist die familiäre Weitergabe von Mustern. Wer mit Sucht in der Herkunftsfamilie aufgewachsen ist, begegnet ihr im Leben häufig erneut — nicht zwingend genetisch, sondern durch gelernte Dynamiken, Bindungsstile und unbewusste Vertrautheit.
Cat beschreibt, wie ein Lebensumbruch — Hausverkauf, neue Familienkonstellation, Unsicherheit — bei ihr selbst zu emotionalem „Glatteis“ führte. Entscheidend war jedoch die Selbstwahrnehmung: das rechtzeitige Erkennen der Gefahr und das aktive Gegensteuern.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Partnerschaften mit suchtbelasteten Menschen. Christian unterscheidet klar zwischen zwei Ebenen:
1. Selbstschutz:
Grenzen setzen, nicht mittrinken, Kontakt reduzieren, Verantwortung zurückgeben.
2. Unterstützung:
Sorgen ausdrücken, spiegeln, motivierende Fragen stellen — ohne zu kontrollieren oder zu retten.
Besonders wichtig ist dabei das Konzept des Motivational Interviewing: Veränderung funktioniert am nachhaltigsten, wenn die Motivation aus der Person selbst kommt, nicht durch Druck von außen.
Auch Co-Abhängigkeit wird thematisiert: Manchmal stabilisiert das Umfeld unbewusst die Sucht, weil sie kurzfristige Vorteile bringt — etwa mehr Nähe, weniger Konflikte oder emotionalen Zugang.
Zum Ende öffnet sich das Gespräch auf therapeutische Grundhaltungen: Schweigepflicht, Geheimnisse in der Paartherapie, Affären und die Frage, ob Beziehungen trotz schwerer Belastungen gerettet werden können. Christians Position: Therapie ist kein moralisches Gericht, sondern ein Raum, um Arbeitsaufträge zu erfüllen und individuelle Lösungen zu finden.
💡 Zentrale Erkenntnisse der Folge
Sucht ist meist eine Bewältigungsstrategie, keine Charakterschwäche.
Alkoholabhängigkeit und Depression können zusammen auftreten, müssen es aber nicht.
Frühe familiäre Erfahrungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, später wieder mit Sucht konfrontiert zu werden.
Ohne neue Strategien lässt sich eine Sucht kaum dauerhaft loslassen.
Angehörige brauchen klare Grenzen, nicht Selbstaufopferung.
Veränderung gelingt am besten durch intrinsische Motivation.
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