Z00261 Wie gelangt ihr dorthin, wo es keinen Grashalm in 10000 Meilen gibt? (Rohatsu 05.12.2025)
Episode von Zen von Rei Ho Christoph Hatlapa Roshi · 27. Juni 2026
In dem geschützten Raum eines Sesshin ist es leicht zu erkennen, dass die mitunter täuschend echten Bilder, die wir sehen, unserem Geist entspringen und Trugbilder sind. Zurück im Alltag aber erscheint Tōzan Ryōkais Appell aus Koan 161 des Shūmon Kattōshū jedoch wie ein frommer Wunsch: Geht dorthin, wo es weit und breit keine Illusionen gibt! Daher erwidert Sekisō: »Warum sagtest du nicht: ›In dem Augenblick, in dem du das Tor hinter dir lässt, gibt es Gras?‹« Sobald wir den Tempel verlassen, sind wir von Verblendungen umzingelt. Andererseits sind gerade diese Umstände aber die Voraussetzung dafür, dass wir unseren irrtümlichen Vorstellungen auf die Spur kommen. C. G Jung nannte diese Trugbilder Projektionen. Sie verdunkeln die objektive Sicht andere Menschen und verhindern echte menschliche Beziehungen. Ob diese Schatten allerdings zu Freunden oder Feinden werden, hängt jedoch von uns selbst ab. Als Menschen kommen wir in der Geborgenheit eines ungeteilten Universums an. Doch nach kurzer Zeit beginnt ein Sozialisationsprozess, in dem wir erfolgreiche Anteile in einem äußeren Bereich unserer Persönlichkeit ablegen. Jung nannte diesen Bereich die Persona. Wir lernen schnell, mit welchen Äußerungen und Eigenschaften wir uns im sozialen Kontext erfolgreich bewegen können. Viele Ausdrucksformen unserer Lebendigkeit wurden jedoch in den Schattenbereich gedrängt. Die dabei entstandenen Narben entsprechen den berühmten Knöpfen, die unsere Liebsten unversehens drücken. Wenn wir Glück haben, können wir uns dabei unsere Schatten gemeinsam anschauen. Es ist eine Wohltat, wenn es uns gelingt, unsere Schatten als zu uns gehörig zu akzeptieren. Denn so integrieren wir unsere verlorenen Anteile und können nach und nach unser volles Potenzial entfalten. Zu dieser inneren Arbeit lädt uns Christoph Rei Ho Hatlapa ein. Die Frucht der Übung ist Klarsicht, nicht weil Illusionen verschwinden, sondern weil wir sie als unsere eigenen erkennen. Das Ende der Übungszeit bedeutet nicht das Ende der Arbeit, sondern den Beginn einer bewussteren, liebevolleren Beziehung zu unseren Schatten – innerlich wie äußerlich.
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