Hamburg tanzt auch bei Schauerwetter
Episode von Ring2, das Hamburg Logbuch von Erik Hauth · 14. Juni 2026 · 14 min
“Was für ein wundervolles Herbstwochenende”, lese ich in meinem Social Media Stream und muss lachen. Ja, es ist Juni und der Westwind schiebt einen Schauer nach dem anderen über die schönste Stadt.
Chapters
0:20 Ein nasser Hamburger Sommer
1:57 Altonale im Schauerwetter
3:44 Die neue Kühlbrandbrücke
5:12 Amsterdam-Zug wieder weg
6:07 Altonale zwischen Fest und Krise
7:56 Kampnagel und Bobo
8:56 Tanztriennale startet
9:56 Wilhelmsburg und Zverev
10:40 Ausblick auf die Woche
Die Kieler hatten vor einpaar Jahren fast aufgegeben und wollten ihre “Kieler Woche” in den Juli verlegen; wegen des Norddeutschen Wetters im Juni. Ob das auch mal in Altona diskutiert wurde, weiß ich nicht. Was ich weiß: im Juni ist der Hamburger Sommer vorbei (der ist nämlich regelmäßig im Mai, sodass man kurz naiv denkt, “wow, wenn das so weitergeht ,,,”).
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Hier kommt Dein Logbuch für die KW 24 · Es ist Sonntag, der 14. Juni 2026 in der schönsten Stadt:
Moin,wettertechnisch ein wundervolles Herbstwochenende - Juni in Hamburg, das heißt: altonale und Regengüsse, stundenweise kleine, schwüle Zwischenhochs und Gewitter bei böigem oder wahlweise stürmischem Westwind (Zeltstangenungeeignet). Das hat Tradition, genauso wie das stoische Ignorieren: man träumt sich einfach zu cooler Musik und portugiesischen Bratwürstchen weg und feiert den wohl buntesten Stadtteil der Stadt: Altona.
Wollte eben Bratwurstrauch schreiben und habe Bratwurststrauch gelesen - und nu hab ich Hunger und das Bild eines Wurstbaums im Kopf.
Man stolpert bei mir um die Ecke über frisch verlegte Festivalkabel und freut sich auf die altonale. Ein knapper Monat, in dem Altona zur Bühne wird, während der Hafen sich eine neue Brücke ausmalt, die teurer ist als so mancher Stadtteil als Ganzes.
Die Brücke, die wie sie selbst aussehen soll
Mittwoch im Rathaus kam es zur großen Geste: Der Siegerentwurf für die neue Köhlbrandbrücke wurde vorgestellt. Wirtschaftssenatorin Melanie Leonhard, Oberbaudirektor Franz-Josef Höing und HPA-Chef Jens Meier präsentierten eine Nachfolgerin, die höher, länger, größer wird — und trotzdem aussehen soll wie die alte. Rund 73 Meter Durchfahrtshöhe, gut zwanzig mehr als bisher, damit auch die ganz großen Pötte durch den Köhlbrand kommen. Knapp fünf Kilometer lang, weil die Rampen für die neue Höhe ausladender werden müssen.
Ingenieurin Maren Wolff nannte den Entwurf eine „Hommage an die alte Brücke”. Heißt: Wir bauen das Wahrzeichen noch mal, nur in groß.
Preisschild derzeit 5,3 Milliarden Euro, die Hälfte der Nettobaukosten übernimmt der Bund. Die alte Dame aus den Siebzigern muss noch rund vierzehn Jahre durchhalten; abgerissen wird erst, wenn die neue steht. Die ersten Autos sollen Ende der 2030er drüberrollen — früher als die ursprünglich genannten 2042. In Hamburg ist das Turbo - wäre Olaf Scholz noch Bürgermeister, er würde vom “Hamburg-Tempo” schwärmen.
Kurzes Vergnügen: der Zug nach Amsterdam ist schon wieder weg
Manche Dinge in dieser Stadt halten vierzehn Jahre, andere keine drei Monate. Der niederländische Anbieter Govolta hat die Direktverbindung Hamburg–Amsterdam wieder eingestellt — gestartet im März, Ende Mai war Schluss. Neuausrichtung, heißt es: Die Züge fahren künftig Amsterdam–Paris und Amsterdam–Berlin. Wer von hier in die Grachtenstadt will, nimmt wieder den ICE mit Umstieg in Osnabrück oder Duisburg, fünfeinhalb bis sechs Stunden. Immerhin: Die Strecke Hamburg–Berlin wird ab 1. Juli auf sechs Fahrten pro Woche ausgeweitet, im Winter sogar sieben. Ein kleiner Umweg als Trost verpackt.
Altona feiert sich selbst — und kämpft ums Überleben
Seit Freitag ist meine Ecke wieder Festivalgebiet: Die altonale, das Festival der kulturellen Vielfalt, läuft bis zum 21. Juni. Musik, Film, Theater, Kunst, Tanz, Literatur und Straßenkunst, das meiste kostenlos oder nach dem schönsten aller Prinzipien — „pay what you want”. Herzkammer ist der Platz der Republik, ein paar Schritte vom Bahnhof Altona.
Heute, ab 18 Uhr, wird auf der Christianswiese beim Kulturfutter gekocht — aus geretteten Lebensmitteln, von Ehrenamtlichen und Profis, an langen Tischen, für alle. Nächstes Wochenende kommt mit STAMP (19. bis 21. Juni) das internationale Festival der Straßenkünste, dazu Flohmarkt und Kunstmarkt am 20. und 21.
Und doch liegt ein Schatten über dem Festival: Der altonale fehlt Geld. Gestiegene Kosten, weniger Sponsoren, aus Sicht der Veranstaltenden zu wenig Förderung. Dass es 2026 überhaupt läuft, ist einer Spendenkampagne zu verdanken. Ob es nächstes Jahr eine altonale gibt, ist offen. Man tanzt also auf der Wiese vor der Christianskirche und weiß nicht, ob man nächsten Sommer wieder da ist.
Warum kein Geld für Kultur da ist, aber für Olympiabewerbungen? - Stille im Senat.
Ein Schwamm namens Bobo
Bei Kampnagel lief von Donnerstag bis Samstag das Live Art Festival unter dem Motto „Hitze.Heat” — ein begehbarer Parcours über das ganze Gelände, fünf internationale Positionen zwischen Klimakrise, Macht und Performance. Der schrillste Beitrag: Das Kollektiv God’s Entertainment baute mit „it’s getting hot in bikini bottom” eine begehbare, surreale Unterwasserwelt. In acht Episoden rund um „SpongeBobo Šwammgods” trifft Popkultur auf Ökokollaps — auf einem Foto sitzt jemand im Fischkostüm in einer blau beleuchteten Badewanne, und ehrlich: schöner kann man die Klimakatastrophe kaum durchdeklinieren. Camp als Ernstfall, Glitzer mit Haltung.
Nebenbei war es das letzte Festival vor der geplanten Kampnagel-Sanierung ab September.
Hamburgs erste Tanztriennale
Heute ist Übergangstag im Kulturkalender. Während die 9. Triennale der Photographie ausklingt, eröffnet am 14. Juni, erstmals die Tanztriennale Hamburg — eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes, künstlerische Leitung Gwen Hsin-Yi Chang und Monica Gillette, Leitmotiv „Brave Moves. Courageous Joy”.
Auftakt ist eine City-Parade durch Barmbek-Nord, vom Museum der Arbeit bis zur Abschlussperformance im Stadtpark. Tanzschulen, Initiativen, Hiphop Academy, Lola-Rogge-Schule — und ausdrücklich auch alle, die einfach mittanzen wollen. Bis zum 21. Juni Aufführungen, Audiowalks und offene Tanzklassen über die ganze Stadt verteilt.
Von der Insel und vom Rest der Woche
Auf den Elbinseln lief das 48h Wilhelmsburg, 17. Ausgabe, von Freitag bis heute: 196 Bands und Acts an 60 Orten, dort, wo Menschen wohnen, essen, arbeiten. In diesem Jahr mit Nachhaltigkeitsfokus — Anreise am liebsten per Rad oder zu Fuß. Dezentral, leise und gut organisiert.
Sportlich gab’s Grund zur Freude für alle, die den Jungen aus Hamburg noch vom Rothenbaum kennen: Alexander Zverev hat nach elf Jahren endlich seinen ersten Grand-Slam-Titel geholt.
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Ausblick: die kommende Woche (14.–21. Juni)
* Sonntag, 14. Juni: Eröffnung der Tanztriennale mit City-Parade durch Barmbek-Nord (Museum der Arbeit → Stadtpark). Und ab diesem Tag ist die Bahnstrecke Hamburg–Berlin nach Sperrung wieder frei — gute Nachrichten für alle Pendlerinnen Richtung Hauptstadt.
* Die ganze Woche: altonale in Altona und Tanztriennale stadtweit laufen parallel weiter. Doppelte Kulturdosis, vieles davon kostenlos oder gegen Spende.
* Freitag bis Sonntag, 19.–21. Juni: STAMP, das Straßenkunst-Festival der altonale, verwandelt Altona in eine Bühne. Dazu Flohmarkt und Kunstmarkt am 20./21. rund um den Platz der Republik.
* Sonntag, 21. Juni: Hamburger Fahrradsternfahrt — Großdemo für bessere Radwege. Auf der grünen Route ist wieder eine Fahrt über die Köhlbrandbrücke geplant, die man im Alltag ja nicht beradeln darf. Einmal noch oben drüber, bevor sie zum Auslaufmodell wird.
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