#222 Was unsere persönliche Welt erschafft

Episode von Perfekt Imperfekt von Gabriel Beyer · 8. Oktober 2026 · 19 min

Folge 222 - Was unsere persönliche Welt erschafft

Vorgestern bin ich mit dem Auto über einen Zebrastreifen gefahren. Ganz langsam, weil da richtig viele Leute kamen, sonst wäre ich nie rübergekommen. Dann stand ich mitten drauf, und von links kamen schon wieder welche. Und das Erste, was ich durch die Scheibe höre, ist jemand, der zu mir sagt: "Was für ein Vollpfosten."

Das Einzige, was ich in dem Moment konnte, war grinsen. Nicht aus Arroganz. Sondern weil ich so vollkommen verstehen konnte, woher dieses Denken kommt. Der Mensch hat in seiner Welt gerade einen Vollpfosten gesehen, der mitten auf dem Zebrastreifen steht. In meiner Welt stand da jemand, der ganz langsam versucht, niemandem im Weg zu sein. Dieselben Fakten. Zwei komplett verschiedene Welten.

Früher wäre das anders gelaufen. Wenn ich blöd angemacht wurde, hab ich sofort in mir selbst gesucht. Was hab ich falsch gemacht? Ah, ich bin wirklich so. Ich hab mir aus einem einzigen Satz von einem Fremden eine ganze Welt gebaut, in der ich der Vollpfosten bin, und hab in der dann den Rest des Tages gewohnt.

Was ich heute sehe: Es gibt da draußen Fakten, überhaupt keine Frage. Es gibt Zebrastreifen, Autos, Menschen. Aber ich kann diese Fakten nicht neutral wahrnehmen. Ich kann die Welt nur durch mein eigenes Rendering sehen, durch meine Interpretation, meine Gewichtung, mein Fettmachen von manchen Sachen und Kleinmachen von anderen. Das ist mein magischer Pinsel. Damit male ich meine Welt. Und der andere malt seine. Deswegen laufen auf diesem Planeten über acht Milliarden verschiedene Welten gleichzeitig rum, und mit jedem neuen Gedanken wird eine neue draus.

Ich bin dabei immer der Produzent. Ich bekomme bestimmte Mittel zugestellt, den Zebrastreifen, den Satz, die Situation. Aber den Film mache ich selber. Nicht die Außenwelt, nicht die andere Person, nicht der Umstand.

Und das Schöne ist: Wenn ich sehe, dass meine komplette Welt in mir erschaffen wird, nehme ich Dinge nicht mehr so leicht persönlich. Weil ich sehe, dass der Satz vom Zebrastreifen nie was mit mir zu tun hatte. Der kam aus seiner Welt. Und ich muss in der nicht wohnen.

Das heißt nicht, dass ich immer grinse. Ich falle ständig noch rein und baue mir aus einem Blick, einer Mail, einem Halbsatz eine Welt, in der ich der Depp bin. Nur erkenne ich den Baustil inzwischen schneller. Nicht immer, aber immer öfter.

Irgendwann hatte ich das Gefühl, auf einem freundlicheren, schöneren Planeten aufgewacht zu sein. Dabei war um mich herum alles gleich. Nur der Produzent hatte einen anderen Film gedreht. Und ich habe erkannt, dass der Film von mir selbst produziert wurde, also ich der Produzent bin, war und immer sein werde.

In der Folge rede ich darüber, was unsere persönliche Welt wirklich erschafft, und warum das, was uns das Leben so schwer macht, dieselbe Kraft ist, die es leicht machen kann.

Mehr über mich und meine Arbeit: gabrielbeyer.org

Ich wünsche dir was.

Gabriel

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