Johann Gottfried Herder: Wie begegnen wir Menschen, die uns fremd sind?
Episode von Mindmaps: der Philosophiepodcast (RefLab) von Manuel Schmid & Heinzpeter Hempelmann · 6. Oktober 2024 · 58 min
Johann Gottfried Herder (1744–1803) gehört zu den am meisten unterschätzten Denkern der anbrechenden Moderne. Er zeigt unter anderem, wie die Begegnung mit Menschen(gruppen) gelingen kann, die ganz anders sind als wir.
Nach einem abgebrochenen Medizinstudium studiert Herder in Königsberg Theologie – und darf bei Immanuel Kant unentgeltlich an dessen Vorlesungen teilnehmen. Durch seine Freundschaft mit Hamann wird ihm die Kraft der Sprache und Poesie erschlossen – Leidenschaften, die Herder dann in Lettland zu einer tiefen Beschäftigung mit den dortigen Volksliedern führen. Es entwickelt eine ebenso authentische wie reflektierte Volksverbundenheit und ist fasziniert von den Eigenheiten verschiedener Kulturen und Sprachgemeinschaften.
Manuel diskutiert mit Peter, was sich von Herder alles für das Zusammenleben in einer pluralistischen, multikulturellen Gesellschaft lernen lässt – und es wird deutlich: eine Menge! Herder macht literarisch und biografisch vor, dass die gelungene Begegnung mit dem «Anderen» und «Fremden» nicht ohne Neugierde und Respekt auskommt. Nicht ein vorgefasster Begriff dessen, was den Menschen und seine Natur zutiefst ausmacht, kann hier leitend sein, sondern eine möglichst offene Wahrnehmung des Anderen, der auch meinen Begriff von Humanität noch einmal aufsprengt. Ganz ähnlich geht Herder dann übrigens auch mit biblischen Texten um: Er versucht sich in deren Lebenswelt hineinzudenken und sie von innen heraus zu verstehen, anstatt ihnen mit dogmatischem Vorurteil zu begegnen.
Natürlich beschäftigen hier auch die Folgefragen: Wo und wie lässt sich bei aller Wertschätzung für das Andere auch Kritik anbringen? Von welchem Standpunkt aus lassen sich Phänomene unter Menschen oder Überlieferungen des Bibel kritisieren? Und woher kommt das eigene Verständnis des «Allgemeinmenschlichen», das auch Herder wichtig war? Manuel und Peter diskutieren diese Fragen auch auf dem Hintergrund aktueller Problemstellungen, etwa dem Phänomen des «Othering», das die Abwertung und Distanzierung des Fremden in unseren Gesellschaften bezeichnet.
Weitere Episoden von „Mindmaps: der Philosophiepodcast (RefLab)“
- Martin Heidegger (Teil 2): Denken mit braunem Schatten 4. Oktober 2026
- Michel Hampe: «Krise der Aufklärung» – Fortschritt unter Verdacht 20. September 2026
- Martin Heidegger (Teil 1): Philosophie der Krise 6. September 2026
- Matthias Jung: «Sinn und Organismus» – Ohne Körper kein Sinn? 23. August 2026
- Edmund Husserl: Zurück zu den Sachen selbst? 9. August 2026
- Kierkegaard (Teil 2): Gegen das bequeme Denken 26. Juli 2026
- Markus Gabriel: «Ethische Intelligenz» (Teil 2) – Kritik & Tiefenbohrung 12. Juli 2026
- Markus Gabriel: «Ethische Intelligenz» (Teil 1) – Darstellung & kritische Einordnung 28. Juni 2026
- Kierkegaard (Teil 1): Philosophie mit offenen Wunden 14. Juni 2026
- Hartmut Rosa: «Situation und Konstellation» – eine Gegenwartsdiagnose und ihre blinden Flecken 17. Mai 2026
- Jürgen Habermas: Warum wir Religion dann doch brauchen 19. April 2026
- Jürgen Habermas: Wie funktioniert Kommunikation? 4. April 2026
- Olivia Röllin: Hoffnung lernen (Podcast-Festival) 21. September 2025
- Friedrich Nietzsche (Teil 3): Gott nach der Metaphysik 6. April 2025
- Friedrich Nietzsche (Teil 2): Faszination Jesus 23. März 2025
Alle Episoden von Mindmaps: der Philosophiepodcast (RefLab) · Mehr Gesellschaft-Podcasts