Jürgen Habermas: Warum wir Religion dann doch brauchen
Episode von Mindmaps: der Philosophiepodcast (RefLab) von Manuel Schmid & Heinzpeter Hempelmann · 19. April 2026 · 1 h 23 min
In dieser Folge sprechen Manuel und Peter darüber, warum Jürgen Habermas ausgerechnet als postmetaphysischer Denker so beharrlich auf Religion zurückkommt. Sie gehen der Frage nach, was einer säkularen Vernunft fehlt, weshalb Habermas das Gespräch mit Ratzinger sucht und warum seine Öffnung zur Religion zugleich stark und unbefriedigend wirkt.
Nach der ersten Folge zu Jürgen Habermas vertiefen Manuel und Peter diesmal dessen Religionsbegriff. Ausgangspunkt ist Habermas’ bekannte Frage, wie Verständigung, Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt unter nachmetaphysischen Bedingungen überhaupt noch möglich sind — also dann, wenn kein gemeinsamer religiöser oder weltanschaulicher Horizont mehr vorausgesetzt werden kann. Von dort aus zeichnen die beiden nach, weshalb Habermas trotz seines aufklärerischen und ausdrücklich nicht-religiösen Ansatzes seit Jahrzehnten immer stärker auf Religion als Gesprächspartnerin der Vernunft zurückgreift.
Im Zentrum stehen Habermas’ Texte «Glauben und Wissen», «Ein Bewusstsein von dem, was fehlt», das Gespräch mit Joseph Ratzinger und das späte Alterswerk zur Geschichte der Philosophie. Manuel und Peter arbeiten heraus, wie Habermas Religion nicht als Rückkehr zu alten Wahrheitsansprüchen ins Spiel bringt, sondern als Speicher von Deutungen, moralischen Intuitionen und motivationalen Kräften, die eine säkulare Gesellschaft nicht einfach selbst hervorbringt. Dabei geht es um das Böckenförde-Diktum, um die Idee der postsäkularen Gesellschaft und um die Frage, weshalb religiöse Traditionen für Menschenwürde, Solidarität und Widerstandskraft offenbar mehr liefern als bloss diskursiv einholbare Argumente.
Zugleich bleibt die Folge nicht bei der Würdigung stehen. Manuel und Peter fragen, ob Habermas mit seinem Diskursmodell die Realität menschlicher Kommunikation nicht zu idealistisch beschreibt, ob sein Wahrheitsbegriff zu fragil ist und ob sein Religionsbegriff die dunklen, intoleranten und gewaltförmigen Seiten religiöser Traditionen unterschätzt. Gerade dort wird das Gespräch besonders spannend: Habermas öffnet die säkulare Vernunft für Religion, ohne deren Offenbarungsansprüche zu rehabilitieren — und genau darin liegt für Peter sowohl die Stärke als auch die Grenze dieses Ansatzes. So wird diese Folge zu einer pointierten Auseinandersetzung mit der Frage, ob Religion im öffentlichen Denken nur Motivationsreserve ist oder ob sie auf etwas verweist, das die Vernunft selbst nicht ersetzen kann.
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