Christine Westermann über das Lesen, das Bücherempfehlen und das Literarische Quartett
Episode von literaturcafe.de - Bücher lesen, Bücher schreiben von literaturcafe.de · 3. Juni 2026
Und würde sie jetzt, wo es im Literarischen Quartett einen runden Tisch gibt, noch einmal dorthin zurückkehren wollen?
Lesen in der ehemaligen Waffenfabrik
Oberndorf, eine kleine Stadt im Neckartal nahe Rottweil und überregional eher dadurch bekannt, dass hier Rüstungsunternehmen wie Heckler & Koch und Mauser (jetzt Rheinmetall) ihren Sitz haben.
Mauser fertigte die Waffen früher im sogenannten Schwedenbau. Das Backsteingebäude beherbergt heute ein Waffen- und Heimatmuseum – und im obersten Stock die Oberndorfer Stadtbücherei. Die lange Reihe an Deckenfenstern wirkt einladend und hell. Früher sollten die Arbeiter bei möglichst gutem Tageslicht die Waffenteile zusammenschrauben können. Heutzutage wird hier bei gutem Licht gelesen.
Der große Veranstaltungsraum nebenan ist Ende April 2026 Schauplatz des zweiten Oberndorfer Literaturfests, ausgerichtet und finanziert von der Marion & Otto Biesenberger-Stiftung. Bisenberger war der Urenkel der Gründer des Schwarzwälder Boten. Die traditionsreiche Heimatzeitung hat ebenfalls noch ihren Sitz in Oberndorf, auch wenn sie schon längst zur Medienholding Süd gehört.
Christine Westermann beim zweiten Oberndorfer Literaturfest
Richard Rebmann, Verleger i. R. und Vorsitzender der Stiftung, begrüßt am Eröffnungsabend. Der Saal ist ausverkauft. Zumindest wäre er das wohl, wenn man Tickets hätte kaufen müssen. Doch die Stiftung ist gut aufgestellt, da sie nach Wunsch des Gründers nur Veranstaltungen in Oberndorf fördern darf. Der Eintritt ist frei, selbst bei einem Stargast wie heute.
Christine Westermann ist aus Köln angereist. Sie werde, so schreibt sie es selbst in ihrem Buch »Die Familien der anderen«, immer gerne als »bekannt aus Funk und Fernsehen« vorgestellt. Tatsächlich dürften sie wohl die meisten aus der Unterhaltungsshow »Zimmer frei« mit Götz Alsmann kennen, obwohl es diese Sendung schon seit 10 Jahren nicht mehr gibt. Demnächst, so Westermann, wird es zur Erinnerung und für die Fans ein Jubiläums-Special geben, das bereits abgedreht sei.
Buchmenschen kennen Christine Westermann aus dem Literarischen Quartett, dessen Neuauflage sie von 2015 bis 2019 angehörte. Außerdem ist sie – neben Elke Heidenreich – die Buchempfehlerin des WDR.
Bekannt auf Funk, Fernsehen und – Podcast
Doch Christine Westermann, mittlerweile 77 Jahre alt, ist neuerdings auch einem jüngeren buchbegeisterten Publikum bekannt, denn zusammen mit ihrer 32-jährigen WDR-Kollegin Mona Ameziane ist sie Gastgeberin im erfolgreichen Bücher-Podcast »Zwei Seiten«.
Ich habe mich mit Christine Westermann vor ihrem Auftritt verabredet und ausreichend Zeit eingeplant.
Doch dann kommt an diesem Abend einiges anders. Christine Westermanns Auto zeigt eine kritische Fehlermeldung. Sie muss umdrehen, das Fahrzeug wechseln. Sie wird erst ein paar Minuten nach dem geplanten Lesungsbeginn im Schwedenbau eintreffen. Ganz der Medienprofi sagt sie mir, dass wir das Interview selbstverständlich nach ihrer Lesung führen werden.
Westermann liest aus »Die Familien der anderen«. Das Buch ist so etwas wie ihre Autobiografie in Büchern.
Der Abend verläuft gut, das Publikum ist begeistert. Ich bin etwas unglücklich, denn ich habe »Die Familien der anderen« natürlich gelesen. Einige meiner Fragen beantwortet sie und beantworten sich schon während der Lesung. Auch denn die Podcast-Hörer des literaturcafe.de dort nicht dabei waren, ist es etwas unelegant, wenn ich die Fragen Christine Westermann erneut stellen würde. Auch da würde sie sicherlich Medienprofi genug sein und die Fragen nochmals beantworten, als hätte sie sie noch nie gehört. Dennoch mag ich das nicht. Also muss ich die Situation offensiv nutzen.
Start mit der Fußballerfrage
Nachdem Christine Westermann signiert hat, kehren wir in den großen, leeren und fast dunklen Veranstaltungssaal zurück. Westermann gönnt sich nach der Lesung ein lokales Bier. Keine Indiskretion meinerseits, dieses Ritual erwähnt sie selbst in ihrem Buch.
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