(55) Johann Wolfgang von Goethe »An meine Mutter«

Episode von Lesung - Klassiker, Philosophie, Gedichte | Gelesen von Elisa Demonki von Elisa Demonki · 11. Mai 2014 · 6 min

Obgleich kein Gruß, obgleich kein Brief von mir,

So lang dir kömmt, laß keinen Zweifel doch

Ins Herz, als wär die Zärtlichkeit des Sohns,

Die ich dir schuldig bin, aus meiner Brust

Entwichen. Nein, so wenig als der Fels

Der tief im Fluß, vor ewgem Ancker liegt,

Aus seiner Stätte weicht, obgleich die Fluht,

Mit stürmschen Wellen bald, mit sanften bald

Darüber fließt, und ihn dem Aug entreißt.

So wenig weicht die Zärtlichkeit für dich

Aus meiner Brust, obgleich des Lebens Strom,

Vom Schmerz gepeitscht bald stürmend drüber fließt,

Und, von der Freude bald gestreichelt, still

Sie deckt, und sie verhindert daß sie nicht

Ihr Haupt der Sonne zeigt, und ringsumher

Zurückgeworfne Strahlen trägt, und dir

Bey jedem Blicke zeigt, wie dich dein Sohn verehrt.

Foto: Andreas Praefcke (Denkmal für die Mutter Goethes im Palmengarten in Frankfurt am Main)

Text: zeno.org (Goethe schrieb dieses Gedicht 1767 mit 17 Jahren, in einem Brief an seine Schwester Cornelia.)

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