(50) Oscar Wilde »Der Schüler« / »The Disciple«
Episode von Lesung - Klassiker, Philosophie, Gedichte | Gelesen von Elisa Demonki von Elisa Demonki · 4. Februar 2013 · 4 min
Als Narziß starb, verwandelte sich die Quelle seiner Freuden von einer Schale voll süßen Wassers
in eine Schale voll salziger Tränen,
und die Bergnymphen kamen weinend durch den Wald,
dass sie zur Quelle singen und dieser Trost geben konnten.
Und als sie sahen,
daß die Quelle von einer Schale voll süßen Wassers
sich in eine Schale voll salzige Tränen verwandelt hatte,
da lösten sie die grünen Flechten ihres Haares
und sprachen weinend zur Quelle:
„Wir wundern uns nicht, das du auf diese Weise um Narziss trauerst,
– so schön war er.“
„War Narziß denn schön?“ fragte die Quelle.
„Wer sollte das besser wissen als du?“ antworteten die Bergnymphen.
„An uns ging er immer vorbei,
dich aber suchte er auf und lag an deinen Ufern
und sah auf dich hinab,
und im Spiegel deiner Wasser spiegelte er seine eigene Schönheit.“
Und die Quelle antwortete:
„Aber ich liebte Narziß, weil,
wie er an meinem Ufer lag und auf mich niederblickte,
ich im Spiegel seiner Augen stets meine eigene Schönheit sah.“
When Narcissus died the pool of his pleasure changed from a cup of sweet waters
into a cup of salt tears, and the Oreads came weeping through the woodland
that they might sing to the pool and give it comfort.
And when they saw that the pool had changed from a cup of sweet waters
into a cup of salt tears,
they loosened the green tresses of their hair
and cried to the pool and said,
‘We do not wonder that you should mourn in this manner for Narcissus,
so beautiful was he.’
‘But was Narcissus beautiful?’ said the pool.
‘Who should know that better than you?’
answered the Oreads.
‘Us did he ever pass by, but you he sought for,
and would lie on your banks and look down at you,
and in the mirror of your waters he would mirror his own beauty.’
And the pool answered,
‘But I loved Narcissus because,
as he lay on my banks and looked down at me,
in the mirror of his eyes I saw ever my own beauty mirrored.’
Musik: Ulrike Theusner
englische Lesung: Taylor Edward Freeman (New York)
Weitere Episoden von „Lesung - Klassiker, Philosophie, Gedichte | Gelesen von Elisa Demonki“
- (71) Bertha von Suttner »Die Waffen nieder!« (Ausschnitt aus dem ›4. Buch‹) 15. Februar 2023
- (70) Rainer Maria Rilke »Herbsttag« / Giaime Pintor »Giorno d’autunno« 22. September 2022
- (69) Aesop - Die beiden Frösche 4. Juli 2022
- (68) Kurt Tucholsky »Drei Minuten Gehör!« 9. Mai 2022
- (67) Johann Wilhelm Ludwig Gleim »An Leukon « (aus ›Neue Lieder‹) 7. April 2022
- (66) Laozi »Tao Te King « 68 (übersetzt von Richard Wilhelm) 1. März 2022
- (65) Friedrich Rückert »Ich bin der Welt abhanden gekommen« 1. Februar 2022
- (64) Friedrich Nietzsche »Die Hoffnung« aus »Menschliches, Allzumenschliches I« 1. Januar 2022
- (63) Franziska zu Reventlow »Keine Heimat mehr« aus »Gedichte« ca. 1891 23. Juli 2021
- (62) Elisabeth zu Wied (Carmen Sylva) »Angst« aus »Geflüsterte Worte« 17. Januar 2021
- (61) George Gordon Byron »Stanzen für Musik« / »Stanzas For Music« 14. Juni 2016
- (60) Jacob und Wilhelm Grimm »Der alte Großvater und der Enkel« 6. Dezember 2015
- (59) Johann Wolfgang von Goethe »Hexenküche« Auszug aus »Faust - Der Tragödie erster Teil« 29. April 2015
- (58) Johann Wolfgang von Goethe »Gretchens Stube« aus »Faust - Der Tragödie erster Teil« 14. April 2015
- (57) Christoph Wilhelm Hufeland im Vor- und Nachwort zu Immanuel Kants »Von der Macht des Gemüts« 22. Oktober 2014
Alle Episoden von Lesung - Klassiker, Philosophie, Gedichte | Gelesen von Elisa Demonki · Mehr Kultur-Podcasts