(43) Johann Wolfgang von Goethe »Wilhelm Meisters Lehrjahre«
Episode von Lesung - Klassiker, Philosophie, Gedichte | Gelesen von Elisa Demonki von Elisa Demonki · 3. Juli 2009 · 4 min
Achtzehntes Kapitel
Er war,
man darf sagen,
auf dem Theater geboren und gesäugt. (…)
Leider mußte er den Beifall,
den er an glänzenden Abenden erhielt,
in den Zwischenzeiten sehr teuer bezahlen.
Sein Vater, überzeugt,
daß nur durch Schläge
die Aufmerksamkeit der Kinder erregt
und festgehalten werden könne,
prügelte ihn beim Einstudieren
einer jeden Rolle zu abgemessenen Zeiten;
nicht, weil das Kind ungeschickt war,
sondern damit es sich desto gewisser
und anhaltender geschickt zeigen möge.
(…) Er wuchs heran
und zeigte außerordentliche Fähigkeiten
des Geistes
und Fertigkeiten des Körpers
und dabei eine große Biegsamkeit
sowohl in seiner Vorstellungsart
als in Handlungen und Gebärden.
Seine Nachahmungsgabe überstieg allen Glauben.
Schon als Knabe ahmte er Personen nach,
so daß man sie zu sehen glaubte,
ob sie ihm schon an Gestalt,
Alter und Wesen völlig unähnlich
und untereinander verschieden waren.
Dabei fehlte es ihm nicht an der Gabe,
sich in die Welt zu schicken,
und sobald er sich einigermaßen seiner Kräfte bewußt war,
fand er nichts natürlicher, als seinem Vater zu entfliehen,
der, wie die Vernunft des Knaben zunahm
und seine Geschicklichkeit sich vermehrte,
ihnen noch durch harte Begegnung nachzuhelfen für nötig fand.
Wie glücklich fühlte sich der lose Knabe nun in der freien Welt,
da ihm seine Eulenspiegelspossen
überall eine gute Aufnahme verschafften.
(…) Er schien hingerissen und lauerte auf den Effekt,
und sein größter Stolz war,
die Menschen stufenweise in Bewegung zu setzen.
(…) Dabei aber war seine Selbstigkeit äußerst beleidigt,
wenn er nicht jedem gefiel
und wenn er nicht überall Beifall erregte.
Wie dieser zu erlangen sei,
darauf hatte er nach und nach so genau achtgegeben
und hatte seinen Sinn so geschärft,
daß er nicht allein bei seinen Darstellungen,
sondern auch im gemeinen Leben
nicht mehr anders als schmeicheln konnte.
Und so arbeitete seine Gemütsart,
sein Talent und seine Lebensart
dergestalt wechselsweise gegeneinander,
daß er sich unvermerkt
zu einem vollkommnen Schauspieler ausgebildet sah.
Ja, durch eine seltsam scheinende,
aber ganz natürliche Wirkung
und Gegenwirkung stieg durch Einsicht und Übung
seine Rezitation, Deklamation und sein Gebärdenspiel
zu einer hohen Stufe von Wahrheit, Freiheit und Offenheit,
indem er im Leben und Umgang
immer heimlicher, künstlicher,
ja verstellt und ängstlich zu werden schien.
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