Macht Liberalismus einsam?
Episode von Die sogenannte Gegenwart von DIE ZEIT · 7. September 2026 · 1 h 23 min
Das Wort »Post« ist Latein und bedeutet »nach« – und schon seit vielen
Jahren sind Intellektuelle geradezu verliebt in diese Vorsilbe. Bekannt
und berüchtigt sind inzwischen Begriffe wie »Postmoderne« und
»Postkolonialismus«. Aber was ist der »Postliberalismus«, von dem
neuerdings alle reden?
Die kurze Antwort: Der Postliberalismus ist eine politische Philosophie,
die über den Liberalismus hinausgehen will. Die Postliberalen glauben,
dass die Schwächen, Konstruktionsfehler und Leerstellen des Liberalismus
verantwortlich sind für die politische und gesellschaftliche Großkrise,
in der wir stecken – und er will Alternativen zu dieser Krise anbieten.
Seine Gegenmittel: Tugend. Familie. Religion. Und ein guter Schuss
Paternalismus. Der Postliberale will den einsamen Individualismus, der
uns angeblich plagt, überwinden und stattdessen wieder eine gemeinsame
Idee des Guten in den Mittelpunkt stellen. Eine Idee, auf die wir alle
verpflichtet sind. Und zwar selbst dann, wenn wir ganz individuell gar
keine Lust auf sie haben. Vielleicht will der Postliberale den
Liberalismus sogar ganz abschaffen; das jedenfalls befürchten die
(liberalen) Kritiker der postliberalen Philosophie.
Egal wie man zu ihm steht: Der Postliberalismus gehört zu den
wichtigsten Theorietrends der letzten Jahre. Vielleicht ist er
tatsächlich die zentrale Leitidee einer neuen Gegenwart, die angebrochen
ist, jetzt, wo die Anziehungskraft von Wokeness, Kulturkampf und
Linksliberalismus schwindet. Der Einfluss (und die Gefährlichkeit) des
Postliberalismus zeigt sich vor allem in den USA, wo zentrale Figuren
der Trump-Regierung mit ihm verbunden sind: Vizepräsident JD Vance gilt
als rechter Postliberaler, Verteidigungsminister Pete Hegseth hat beim
postliberalen Politikwissenschaftler Patrick Deneen studiert.
In der neuen Folge von »Die sogenannte Gegenwart« sprechen Ijoma Mangold
und Lars Weisbrod über die angesagte Hype-Theorie aus der politischen
Philosophie und fragen: Wie autoritär ist der Postliberalismus wirklich?
Kann es auch einen linken Postliberalismus geben? Und was ist eigentlich
das »gemeinsame Gut«, auf das wir uns verpflichten sollen? Müssen wir
jetzt sonntags alle wieder in die Kirche gehen? Oder tut’s auch eine
Gewerkschaftsmitgliedschaft?
Und noch ein Hinweis:
Am 14. Oktober kommt »Die sogenannte Gegenwart« für einen Livepodcast
nach Düsseldorf. Tickets gibt es hier.
Shownotes
Wir sprechen über die Bücher
- »Why Liberalism Failed« von Patrick Deneen aus dem Jahr 2018
- »Postliberalismus? Eine transatlantische Debatte« herausgegeben von
Veith Selk und Julian Nicolai Hofmann und gerade erschienen bei
Suhrkamp
- dazu die Rezension im Deutschlandfunk von Nils Schniederjann
- »Politics of Virtue« von John Milbank und Adrian Pabst aus dem Jahr
2016
Außerdem über die Aufsätze
- »In search of the common good: The postliberal project Left and
Right« von Stefan Borg – eine gute Einführung ins Thema
- »States that are essentially by-products« von Jon Elster. Der
Aufsatz ist unter anderem in Elsters wichtigem Buch »Sour Grapes«
von 1983 abgedruckt.
Ab dem 15.1.2025 sind Teile des Archivs von "Die sogenannte Gegenwart?"
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