Diaspora Dialogues: Elisa Klapheck
Episode von Denken, Glauben, Fragen – aus der Katholischen Akademie Berlin von Katholische Akademie in Berlin · 18. Februar 2022 · 49 min
„Seit Adam und Eva leben wir alle im Exil“
Die Rabbinerin Prof. Dr. Elisa Klapheck im Gespräch mit Dr. Gesine Palmer (Berlin Center for Intellectual Diaspora der Katholischen Akademie in Berlin e.V.)
Elisa Klapheck, geboren 1962, ordinierte Rabbinerin seit 2004, ist als ein bekanntes Gesicht des liberalen Judentums zugleich auf vielen anderen Gebieten in der Öffentlichkeit präsent. Sie studierte Politik, Rechtswissenschaft und Judaistik in Nijmegen, Hamburg und war anschließend als Journalistin für Funk und Fernsehen sowie den Tagesspiegel und die Taz tätig. 1998 wurde sie Pressesprecherin für die Jüdische Gemeinde zu Berlin. Sie ist Mitbegründerin der Liberalen Synagoge in der Oranienburger Straße, in der, ebenfalls seit 1998, egalitäre Gottesdienste stattfinden. In jenen Jahren studierte sie und bildete sich fortwährend weiter. 2005 übernahm sie ihr erstes Rabbinat als erste Frau auf diesem Posten in Amsterdam. Seit 2009 ist sie Rabbinerin des Egalitären Minyan in Frankfurt am Main. Im Jahr 2012 promovierte sie summa cum laude mit einer Arbeit über Margarete Susman und ihren Beitrag zur politischen Philosophie. Seit 2016 ist sie neben ihrer Arbeit als Rabbinerin Professorin für Jüdische Studien am Zentrum für Komparative Theologie der Universität Paderborn. Damit sind nur die markantesten Stationen dieser hochaktiven Frau benannt. Zum Glück führt Elisa Klapheck eine sehr übersichtliche Website, auf der man sich über ihre Mitgliedschaft in der Allgemeinen Rabbinerkonferenz, über die von ihr herausgegebene Streitschrift Machloket, über die Vereinigung Torat Hakalkala (Verein zur Förderung der angewandten jüdischen Wirtschafts- und Sozialethik) und vieles mehr informieren kann.
In unserem Interview spricht Elisa Klapheck über die Situation einer jüdischen Theologie in der Diaspora, über die Gewohnheit, auch fast zeitgenössische Texte wie das Werk von Margarete Susman so zu lesen wie biblische und andere Traditionstexte, und über eine Welt, in der es nur noch Minderheitsreligionen geben kann.
Shownotes
Es ging Margarete Susmann und anderen jüdischen Autoren ihrer Zeit weniger um Religion als Glaube als vielmehr um das Judentum als eine Religion der Tat, politisch verstanden: die Verbesserung der Gesellschaft.
Das Judentum muss anders als die anderen Religionen, die dominante Mehrheitsreligionen sind, lernen, aus seiner Deckung herauszukommen und die Brücken zu schlagen, wie man mit den anderen diskutieren kann. Das ist in den letzten Jahrhunderten, ja Jahrtausenden wenig passiert. Aber zur Zeit von Margarete Susmann und auch heute gibt es Stimmen, die sagen, wir wollen einen vom Judentum her gebauten interreligiösen Dialog.
Wir haben die Shoah noch in der DNA. Das ist noch gar nicht so lange her und es ist noch heute die Frage: War das das Opfer für die Gründung des Staates Israel?
In dieser Welt ist das Judentum geopfert worden, ist preisgegeben worden. Es ist ein großes Opfer passiert, und ich trauere jeden Tag, wenn ich feststelle, dass es überhaupt keine kritische Masse mehr an jüdischem Denken in Deutschland gibt, an jüdischer Realität.
Wir müssen, wenn wir Religion im 21. Jahrhundert glaubhaft weiterdenken wollen, mit der Shoah umgehen.
Die große Frage ist, wo ist das Böse einzuordnen? Das ist nicht nur eine Frage an die großen Religionen.
Wenn Religion zur Kuschelecke wird, wenn wir so mit unserem Gottesverständnis umgehen, haben Religionen nichts zu sagen, denn wir brauchen auch Antworten auf die Wirkmächte des Bösen.
Ich sehe aber trotz allem, was passiert ist, ein europäisches Judentum im Werden, das aus dem Schatten der Shoah heraustritt. Es wird sehr lange dauern, bis es sich als solches versteht, aber es ist auf jeden Fall im Werden. Das sieht man auch an der jüngeren Generation.
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