Data Act by Design
Episode von Data Navigator von Dr. Martin Schirmbacher, Dr. Hubertus von Roenne · 15. Juni 2026 · 55 min
In Folge 45 des Data Navigator Podcast sprechen Martin Schirmbacher und Hubertus von Roenne mit Max von Grafenstein, Professor für Digitale Selbstbestimmung an der UdK Berlin und Ko-Leiter des Forschungsprogramms „Daten, Akteure, Infrastrukturen: Governance datengetriebener Innovation und Cybersicherheit“ am Alexander-von-Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft, über das Verhältnis von Regulierung, Innovation und Datenteilen.
Max bringt eine forschungsbasierte Perspektive ein: Aus der Arbeit mit rund 140 Startups hat er empirisch untersucht, wie Regulierung auf Innovation wirkt. Sein kontraintuitives Ergebnis: Das datenschutzrechtliche Zweckbindungsprinzip sei nicht innovationsfeindlich, sondern könne Innovation sogar fördern – wenn es richtig angewendet wird. In der Praxis allerdings sind wir davon weit entfernt.
Das zentrale Problem beschreibt Max mit dem volkswirtschaftlichen Market-of-Lemons-Modell (Akerlof): Wenn Nutzer nicht intuitiv erkennen können, welcher Dienst welche Datenschutzqualität hat, entstehe eine Abwärtsspirale. Das sogenannte Privacy-Paradox sei kein irrationales Verhalten der Nutzer, sondern Folge dieser Intransparenz. Die Lösung liege in UX-Forschung: Transparenz- und Interventionsmechanismen (Einwilligung, Widerspruch) müssten so gestaltet werden, dass sie tatsächlich funktionieren.
Übertragen auf den Data Act ergebe sich daraus eine konkrete Aufgabe: Damit der Datenaustausch zwischen Dateninhaber, Nutzer und Drittem funktioniert, brauche es intuitive visuelle Entscheidungsmasken für Data Requests sowie eine Art Datenkatalog, über den Dritte herausfinden können, welche Daten verfügbar sind.
Zur Frage, warum Dateninhaber trotz fehlender rationaler Gründe blockieren, identifiziert Max zwei Ursachen: erstens eine verhaltensökonomische Verlustangst und zweitens reale Kostenbelastung durch den operativen Aufwand der Datenbereitstellung. Seine Formel für freiwilliges Datenteilen: Daten werden nur geteilt, wenn die erwarteten Mehrwerte deutlich größer sind als Compliance-Risiken plus Compliance-Kosten. Dieselbe Logik gelte spiegelbildlich für den Rechtsanspruch des Nutzers.
Zum Digitalen Omnibus berichten Martin und Hubertus: Das Grundprinzip des Data Act bleibt erhalten, der Data Governance Act soll integriert werden, der Geschäftsgeheimnisschutz wird leicht verschärft. Die Versuche, den Direct Access durch Indirect Access zu ersetzen, seien allerdings besorgniserregend – VW habe gerade erst vorhandene Schnittstellen gekappt.
Seine Empfehlung am Schluss: Unternehmen sollten nicht im Risiko-, sondern im Use-Case-Denken anfangen. Die Bundesnetzagentur solle ein Use-Case-Repository aufbauen – mit anonymisierten positiv und negativ beschiedenen Fällen, die Startups ohne teure Rechtsberatung nachbauen können.
Weitere Episoden von „Data Navigator“
- Ein Jahr Data Act - Warum fließen so wenig Daten? 28. September 2026
- Agrardaten veredeln - Data Act im Digital Farming 14. September 2026
- Personenbezogene Daten im Data Act 13. Juli 2026
- Data Act braucht Vertrauen in Infrastruktur 29. Juni 2026
- Datenlizenzen nach Data Act - Was heißt hier FRAND? 1. Juni 2026
- Datenzugang in der Landwirtschaft 18. Mai 2026
- Der Data Act als Gefahr für Geschäftsgeheimnisse 4. Mai 2026
- Ein Data Act Startup. 20. April 2026
- Neues aus Berlin und Brüssel: Wohin fährt der Data Omnibus? 6. April 2026
- Data Act und Windenergie aus Verbandssicht 23. März 2026
- Data Act aus Sicht eines Maschinenherstellers 9. März 2026
- Was macht die Bundesnetzagentur mit dem Data Act? 23. Februar 2026
- Standardisierung für den Datenaustausch 9. Februar 2026
- Daten stärken Wind 28. Juli 2025