Cuts restaurieren – Die Archäologin des Kintopps

Episode von Credit to the Edit Podcast von Rainer Nigrelli & Jan Henrik Pusch · 31. Mai 2026 · 57 min

Berlin, vierter Stock, Deutsche Kinemathek. Zwischen einem Steenbeck und einer Umrolle steht eine Person, die sich beruflich mit etwas beschäftigt, das die meisten Filmschaffenden lieber verdrängen: dem Älterwerden ihrer Arbeit. Dem Verblassen der Farben, dem Essiggeruch zersetzter Acetatfilme, den fehlenden Bildern, den verlorenen Fassungen. Und der unbequemen Frage, was eigentlich das "Original" eines Films ist, wenn es nie nur eine Version gab.

In der aktuellen Folge geht es im Credit to the Edit Podcast um Filmrestaurierung als Schwesterdisziplin der Montage. Julia Wallmüller erzählt, wie ihr Team Filme von der Stummfilmzeit bis in die 2000er für die digitale Welt rettet, warum jede Restaurierung im Grunde eine zweite Schnittentscheidung ist, und wie sie aktuell an "Jenseits der Straße" (1929) arbeitet, mit zwei sehr unterschiedlichen Ausgangsmaterialien, einem italienischen Duplikatnegativ und einer russischen Kopie, die im Anfang anders aufgebaut ist.

Es geht um Vinegar Syndrome, um den Brand im brasilianischen Filmarchiv, und um die ernüchternde Erkenntnis, dass weltweit nur rund 20 Prozent der Stummfilmproduktionen überhaupt erhalten sind. Daneben: ein Plädoyer für analoge Ausbelichtung, ein kurzer Schwenk zum Nitrate Picture Show Festival im George Eastman Museum in Rochester, und die Frage, wie man eigentlich digitale Daten so archiviert, dass sie in fünfzig Jahren noch existieren.

zu Gast

Julia Wallmüller wurde in Graz geboren und ist diplomierte Filmrestauratorin, ein Beruf, zu dem sie über das Interesse an der Restaurierung selbst kam, nicht über den Film, und für den sie damals aus Österreich nach Berlin zog, weil sie hier im deutschsprachigen Raum die einzige Studienmöglichkeit fand, und zwar an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW Berlin) den Studiengang "Konservierung/Restaurierung von Foto, Film und Datenträgern", heute "Konservierung/Restaurierung von audiovisuellem und fotografischem Kulturgut - Moderne Medien (AVF)". Seit Abschluss ihres Studiums 2006 arbeitete sie in zahlreichen praktischen, theoretischen und akademischen Projekten im Bereich der digitalen Filmrestaurierung, mit einem besonderen Schwerpunkt auf ethischen und ästhetischen Fragestellungen. Seit 2010 arbeitet sie im Filmarchiv der Deutschen Kinemathek und leitet das Restauratorenteam für das Förderprogramm Filmerbe, ein vom Bund, den Ländern und der Filmförderungsanstalt finanziertes Digitalisierungsprojekt.

Timeline-Shortcuts

00:00  Anmoderation

00:30  Gesprächsstart / Studium der Filmrestaurierung

06:15  Was macht die Deutsche Kinemathek?

08:37  Vom Förderantrag zur Materialrecherche

13:13  Fassungsfragen und Restaurierungsethik

23:38  Digitalisierung, Nitrofilm und Bildraten

27:43  Praxisbeispiel: Jenseits der Straße

44:00  Kategorien: Tipps am Schneidetisch & Lieblingsbegriffe

49:42  Aktuelle Projekte und Festival Film Restored

53:46  Abmoderation

Weiterführende Infos

Filme

Jenseits der Straße (Leo Mittler, 1929)

Sylvester – Tragödie einer Nacht (Lupu Pick, 1924)

Cyankali (Hans Tintner, 1930)

Personen

Julia Wallmüller (Deutsche Kinemathek, Team Management FFE und Filmrestaurierung)

Stephen Horne (Stummfilmmusiker und Komponist)

Institutionen & Archive

Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen

Cineteca Nazionale (Centro Sperimentale di Cinematografia, Rom)

Bundesarchiv (Filmarchiv)

Kinematheksverbund

George Eastman Museum (Rochester)

Festivals & Veranstaltungen

Film Restored – Das Filmerbe-Festival (Deutsche Kinemathek, Ende Oktober)

San Francisco Silent Film Festival

Nitrate Picture Show (George Eastman Museum, Rochester)

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