KI-Richtlinie
Episode von risKIert von Ekkehard Schmider · 7. September 2026 · 16 min
Eine KI-Richtlinie, die im Intranet liegt und niemanden erreicht, ist kein Schutz. Sie ist eine Requisite.
Am 30. Oktober 1935 stürzte auf einem Flugfeld in Ohio das modernste Flugzeug der Welt ab. Am Steuer zwei der erfahrensten Testpiloten des Landes. Die Ursache war ein vergessener Handgriff. Die Antwort darauf war keine bessere Ausbildung, sondern eine Karte, die in die Handfläche passt.
Genau darum geht es bei der KI-Richtlinie.
KI wird längst benutzt, auch dort, wo die Geschäftsführung glaubt, man sei noch in der Prüfphase. Nicht aus böser Absicht: Da sitzt jemand am Freitagnachmittag vor einem Angebot, das montags raus muss.
Verbote helfen dagegen nicht. Wer verbietet, ohne eine Alternative anzubieten, bekommt keine Abschaffung, sondern heimliche Nutzung. Und die ist teurer, weil sie unsichtbar ist.
Drei Gründe, warum Richtlinien wirkungslos bleiben, und keiner ist juristisch: zu lang, für den falschen Adressaten geschrieben, ohne Antwort auf die eine Frage, die die Leute wirklich haben.
Was Sie mitnehmen
Die eine Seite mit sechs Punkten: welche Werkzeuge erlaubt sind, welche Daten hineindürfen, wer für das Ergebnis geradesteht, wo gekennzeichnet werden muss, wen man bei einem Zwischenfall ruft, wann überprüft wird.
Die Ampel für Daten. Grün ist, was ohnehin öffentlich ist. Gelb gehört nur in geprüfte Systeme. Rot geht gar nicht.
Was nicht auf die Seite gehört: keine Erklärung der KI-Verordnung, keine Technikkunde, kein Generalverbot.
Der unterschätzte Hebel sind Ihre Geschäftsgeheimnisse. Geschützt ist eine Information nur, wenn sie durch angemessene Geheimhaltungsmaßnahmen gesichert ist. Der bloße Geheimhaltungswille genügt nicht mehr. Fehlt jede Regel dazu, was in ein Sprachmodell darf, steht im Streitfall die Frage im Raum, ob diese Maßnahmen angemessen waren.
Dazu der Betriebsrat: Die Rechtsprechung lässt die objektive Eignung zur Überwachung genügen, eine Absicht braucht es nicht. Viele KI-Werkzeuge protokollieren von Haus aus, wer wann was gefragt hat.
Richtlinie und Betriebsvereinbarung sind zweierlei: Die eine ändern Sie jederzeit, aus der anderen kommen Sie nicht einseitig heraus.
Der Stolperstein der Folge: der Abschreiber. Achtzehn Seiten aus dem Netz, Firmenname getauscht. Juristisch nicht falsch. Es beschreibt nur ein Unternehmen, das es nicht gibt.
Ihr nächster Schritt
Die Muster-KI-Richtlinie liegt auf ai-governance.pro. Eine Seite Kern, kurzer Anhang, kostenlos, in einer halben Stunde ausgefüllt.
Was sie nicht kann: Ihr Unternehmen kennen. Sie ersetzt keine Prüfung im Einzelfall. Die Inhalte dieser Folge sind keine Rechtsberatung.
Links und Quellen
Artikel 4 EU AI Act: KI-Kompetenz – gilt seit dem 2. Februar 2025. Der Digital Omnibus hat den Wortlaut abgeschwächt, aber nicht gestrichen.
Artikel 50 EU AI Act: Transparenzpflichten – die Kennzeichnungspflichten aus Folge 1.
Geschäftsgeheimnisgesetz – § 2 Nr. 1 Buchstabe b, das Geschäftsgeheimnis über angemessene Geheimhaltungsmaßnahmen.
§ 87 Betriebsverfassungsgesetz – Absatz 1 Nummer 6 zur Mitbestimmung bei Überwachungstechnik.
Der Absturz der Boeing Model 299 – National Air and Space Museum.
Wie die Pilotencheckliste entstand – Air and Space Forces Magazine.
Für Sie relevant, wenn Sie …
… Geschäftsführung, CIO, IT- oder Compliance-Verantwortliche in einem Mittelständler sind. Und wenn Sie ahnen, dass in Ihrem Haus mehr KI läuft als offiziell bekannt.
Nächste Folge
Die Frage vor der Richtlinie: Welche KI läuft in Ihrem Haus überhaupt?
Bleiben Sie handlungsfähig.
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