Systemanalyse der optisch-vestibulären Interaktion bei der Wahrnehmung der Vertikalen

Episode von Psychologie und Pädagogik - Open Access LMU - Teil 01/02 von Ludwig-Maximilians-Universität München · 1. Januar 1970

Am Problem der zentralnervSsen Verarbeitung vestibul~trer

and optiseher Daten bei der Wahrnehmung der Vertikalrichtung wurde eine fiir

wahrnehmungspsyehologische Untersuchungen geeignete Methodik kybernetiseher

Systemanalyse entwickelt.

Drei Versuehspersonen hatten die Aufgabe, bei versehiedenen KSrperschriiglagen

eine Leuchtlinie vor dem Hintergrund eines langsam frontparallel um die

Blickaehse rotierenden Streifenfeldes fortlaufend ansehaulieh vertikal einzustellen.

Aus den Versuehsergebnissen wurde in kontrollierten Schritten unter ausffihrlicher

Diskussion aller verwendeten Pri~missen ein Modell in Form eines Blocksehaltbildes

entwickelt. Das Modell lggt sich im wesentliehen durch folgende tIypothesen

eharakterisieren:

1. Die (approximative) Riehtungskonstanz des Wahrnehmungsraumes bei

Kopfschr~iglage beruht auf einer orthogonalen Drehtransformation der phi~nomenMen

Raumkoordinaten gegensinnig zur Kopfneigung (,,Kompensationstheorem").

2. Die kompensatorisehe Drehtransformation wird unter unseren Versuehsbedingungen

im wesentliehen vom Yestibularapparat und vom Visuellen System

kontrolliert.

3. Das vestibul~re System ist ffir sich allein imstande, die Drehtransformation

zu steuern; zusgtzliehe visuelle Einfliisse iiberlagern sieh dieser Aktivitiit additiv

(,,Superpositionshypothese").

4. Diese visuellen Einfliisse sind eine Funktion der figuralen Hauptaehsen des

optisehen Panoramas; unter unseren Versuchsbedingungen (gleiehmS~gig rotierendes

Streifenfeld) ist ihr zeittieher Verlauf demnach periodisch oszillierend.

5. In die oszillatorische Komponente geht auger dem visuellen jedoeh auch

noch ein vestibul/irer Anteil ein (,,Optiseh-vestibuli~re Verh~iltniszahl"), und zwar

multiplikativ (,,Multiplikationshypothese"). Dieser Anteil ist der sog. Augenrollung

proportional.

6. Die Drehbewegung des Streifenfeldes verursacht ein ,,Nachhinken", abet

keine nennenswerte Ferzerrung der Versuchsergebnisse, verglichen mit der Versuehsdurchfiihrung

im stationiiren Fall (,,Verschiebungshypothese").

7. Die visuelle Kontrolle der Transformation der ph~nomenalen Raumkoordinaten

erfolgt auf dem Wege einer zentralnerv6sen t~egelkreisschaltung (Hypothese

der ,,Riickw~r tskompensation").

Dieses Modell wurde auf versehiedenen Wegen validiert; unter anderem erwies

es sich als in der Lage, die Versuchsergebnisse in den wesentlichen Anteilen zu

reproduzieren.

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