Johann Wolfgang Goethe: Gesang der drei Erzengel
Episode von Pod & Poesie: Dein Gedicht auf die Hand von Lukas Rieger · 22. Juni 2024 · 2 min
Johann Wolfgang Goethe veröffentlichte sein Drama Werk "Faust" in zwei Teilen, wobei der erste Teil 1808 erschien. Der "Gesang der drei Erzengel" gehört zu den eindrucksvollsten Passagen der sogenannten "Prolog im Himmel"-Szene.
In diesem Gesang treten die Erzengel Raphael, Gabriel und Michael auf. Sie preisen die Schöpfung und Macht Gottes, wobei jeder Erzengel eine spezifische Facette des göttlichen Wirkens beschreibt. Raphael besingt die Harmonie der Himmelskörper, Gabriel die dynamische Kraft der Naturgewalten und Michael die Majestät der kriegerischen Elemente.
Raphael: Er beginnt den Gesang und hebt die ewige, harmonische Bewegung der Gestirne hervor. Der Kosmos wird als geordnetes, stabiles und dennoch dynamisches System beschrieben.
Gabriel: Gabriel setzt den Gesang fort und fokussiert sich auf die kraftvollen, natürlichen Prozesse auf der Erde. Die bildhafte Sprache erweckt die Vorstellung von unaufhaltsamen, gewaltigen Naturphänomenen, die ebenfalls in einer höheren Ordnung eingebunden sind.
Michael: Michael schließt den Gesang ab, indem er die kriegerischen und destruktiven Kräfte der Natur besingt. Die Energie und Gewalt, die er beschreibt, zeigen die Macht und das Potenzial der Natur, aber auch die Notwendigkeit göttlicher Kontrolle und Harmonie.
Auch Goethes eigenes Leben und Denken spiegeln sich in den Zeilen des Gesangs der Erzengel wider. Als Universalgelehrter und Naturwissenschaftler war Goethe tief beeindruckt von der Schönheit und Komplexität der Natur. Gleichzeitig war er sich der Zerbrechlichkeit und der oft chaotischen Natur des menschlichen Daseins bewusst. Insbesondere mit dem Erdbeben von Lissabon aus dem Jahr 1755 hatte sich der junge Goethe intensiv auseinandergesetzt. In seinen autobiographischen Aufzeichnungen "Dichtung und Wahrheit" bezeugt er, dass ihn die Frage umgetrieben habe, wie eine solche Katastrophe mit dem Glauben an einen liebenden Vater-Gott vereinbar sei. Der "Gesang der Erzengel" lässt sich - wie der "Faust" insgesamt - als Ausdruck einer Antwort lesen, die Goethe im fortgeschrittenen Alter gefunden hat.
In der wiederholten Bekräftigungsformel, die "unbegreiflich hohen Werke" Gottes seien "herrlich wie am ersten Tag" deutet sich so bereits die Theodizee an, die den metaphysischen Kern des Werkes bildet und die sich im weiteren Verlauf des Prologs im Himmel darlegt: In der hier beschriebenen Ordnung, in der schaffende wie zerstörerische Kräfte ihren Platz haben, ist Mephistopheles, der Faust verführen will, kein ebenbürtiger Wett-Partner des Herrn, sondern lediglich ein göttliches Instrument dazu, Fausts Streben vital zu halten.
Hosted on Acast. See acast.com/privacy for more information.
Weitere Episoden von „Pod & Poesie: Dein Gedicht auf die Hand“
- Annette von Droste-Hülshoff: Die Vergeltung 25. August 2025
- Gottfried Keller: Sommernacht 22. Juni 2025
- Joachim Ringelnatz: Sommerfrische 22. Juni 2025
- Detlev von Liliencron: Schöne Junitage 22. Juni 2025
- Marie von Ebner-Eschenbach: Sommermorgen 22. Juni 2025
- Hans-Christian Andersen - Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern 13. Dezember 2024
- Kurt Tucholsky - Aus 15. Oktober 2024
- Paul Zech - Fabrikstraße tags 15. Oktober 2024
- Paul Boldt - Berlin 15. Oktober 2024
- Rainer Maria Rilke - So lass uns Abschied nehmen 15. Oktober 2024
- Kurt Tucholsky: Der Graben 16. Juli 2024
- Stefan George: Komm in den totgesagten Park und schau 16. Juli 2024
- Theodor Fontane: Würd es mir fehlen, würd ichs vermissen? 16. Juli 2024
- Friedrich Schiller: An die Freude 16. Juli 2024
- Johann Wolfgang Goethe: Willkommen und Abschied 15. Juli 2024
Alle Episoden von Pod & Poesie: Dein Gedicht auf die Hand · Mehr Kultur-Podcasts