Die Realität holt uns ein - verprassen oder vererben?
Episode von Mensch Mahler | Die Podcast Kolumne von Günter Mahler- PODCAST EINS · 28. August 2026 · 3 min
260828PC Die Gegenwart holt uns ein. Reisetagebuch Tag 18
Mensch Mahler am 28.08.2026
Es gibt hier Menschen auf dem Hurtigruten-Schiff, die melden sich komplett vom Leben ab. Keine Nachrichten, keine Anrufe, kein social Media. Ich kann das nachvollziehen, das man sich so etwas im Urlaub wünscht. Für mich wäre es undenkbar, vielleicht liegt es daran, dass ich Journalist bin und einfach immer informiert sein will und muss.
Jetzt hat mich die Realität so oder so eingeholt. Wir sind in Kirkenes. Die russische Grenze ist 13 Kilometer entfernt. Es wird empfohlen, die Handys auf Flugmodus zu stellen. Ein Mitreisender meint, er wolle einen Fuß auf die Grenzlinie stellen. Schlechte Idee – bei einer der vorigen Fahrten meinte ein Italiener, rübergehen zu müssen. Er wurde verhaftet – Stunden später wurde er gegen eine Zahlung von 1.200 Euro freigelassen. Er erhielt außerdem Einreiseverbot auf Lebenszeit.
Aber auch auf anderen Ebenen holt uns die Wirklichkeit ein. Auf dem Schiff sind überwiegend ältere Leute. Also die, die noch Rente bekommen und sie auch kräftig ausgeben, anstatt alles an Kinder und Enkel zu vererben. Auf einem Campingplatz sah ich mal ein großes Wohnmobil mit der Aufschrift: „Wir verprassen das Erbe unserer Kinder“. In Gesprächen mit Mitreisenden stellen wir fest, dass viele von ihnen kein gutes Verhältnis zu ihren Kindern haben. Da erkundigen sich Geschwister untereinander schon einmal, wieviel die Eltern für die Reise ausgegeben haben. Überhaupt: Das Thema Generationengerechtigkeit und die Frage, was für die nachfolgenden Generationen übrigbleibt, wenn wir fertig haben, verfolgt uns auf Schritt und Tritt. Die Früchte der lebenslangen Arbeit fröhlich genießen und trotzdem Maß halten und nicht verprassen, was man hat, das ist ein Balanceakt. Ich war einmal auf einem Seminar für Erbschaftsmarketing. Da sind manche Organisationen sehr aggressiv unterwegs. Typisches Gespräch im Altenheim: „Wann haben sie ihre Kinder das letzte Mal besucht? Und denen wollen sie alles geben? Sie können guten Gewissens uns einen Teil ihres Erbes geben und nicht alles ihren undankbaren Kindern. Und sie tun dabei noch etwas Gutes“.
Leider muss ich feststellen, auch aus meiner Seelsorge-Praxis, dass fast kein sogenannter Erbfall ohne Streit in der Familie zu Ende geht. Da kann man vorsorgen so viel man will – eine oder einer fühlt sich garantiert benachteiligt.
Unser Hurtigruten-Schiff hat gerade die Rückreise in den Süden angetreten. Wir fahren wieder nach Hause – zurück in die Realität. Ob wir sie ausgeblendet hatten oder nicht – sie holt uns immer wieder ein.
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