Depression und der Umgang damit in der Hausarztpraxis | Dr. Andrea Morawe erklärt
Episode von LandMEDchen von Andrea Morawe · 18. März 2026 · 20 min
Unipolare Depression ist eine der häufigsten und gleichzeitig am meisten unterschätzte Erkrankungen in der hausärztlichen Praxis.
Dr. Andrea Morawe erzählt davon in dieser neuen Folge von „LandMEDchen“ evidenzbasiert.
Die 12-Monatsprävalenz liegt bei 8-10% und die Lebenszeitprävalenz bei 15-20%. Das heißt: Jede fünfte Person wird in seinem Leben statistisch gesehen an einer Depression erkranken – Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer. Das Rezidivrisiko liegt nach einer erstmaligen Episode bei 50% und steigert sich auf 70% nach einer zweiten Episode.
Die Depression tarnt sich meist über somatische Beschwerden: Chronische Rückenschmerzen, Schlafstörungen, Konzentrationsdefizite und unspezifische Bauchschmerzen.
Depression ist keine Serotonin-Mangelerkrankung, wie man sie früher betrachtet hat. Chronischer Stress ist ein zentraler Trigger. Eine biologische Vulnerabilität trifft auf eine psychosoziale Belastung.
Es gibt bei der Diagnose Haupt- und Zusatzkriterien. Aus der Kombination der Kriterien kann der Schweregrad der Depression abgeleitet werden.
Andrea nutzt sehr gerne den PHQ-9-Fragebogen zur Selbsteinschätzung der Patient:innen.
Frauen wird häufiger eine Depression zugeschrieben. Männer reden seltener über emotionale Belastungen, Frauen hingegen schon.
Schlafstörung, Appetitveränderungen, Schuldgefühle, Ängste, tiefe Traurigkeit – das sind Symptome, die bei Frauen öfter auftreten.
Bei Männern sind die Symptome deutlich different, sie zeigen Reizbarkeit, Aggressivität, Alkohol- und Substanzmissbrauch und eine gewisse Impulsivität. Das klassische Bild der niedergeschlagenen Persönlichkeit sieht man weniger.
Die Suizidrate bei Männern ist erheblich höher als bei Frauen in Deutschland. Das liegt u.a. daran, dass die unipolare Depression bei Männern häufig nicht erkannt oder fehltinterpretiert werden.
Risikogruppen für eine Depression sind postportale Frauen, einsame und ältere Personen, Arbeitslose, Patient:innen mit kardiovaskulärer Erkrankung, hoher Leistungsdruck und pflegende Angehörige.
Es gibt zudem eine bidirektionale Verknüpfung von Depressionen und somatischen Erkrankungen. Andrea macht deswegen immer eine weiterführende Diagnostik, um Differentialdiagnosen in Betracht zu ziehen.
In Bezug auf die Therapie orientiert sich Andrea an der nationalen Versorgungsleitlinie und unterscheidet dabei zwischen leichter, mittelgradiger und schwerer depressiven Episode.
Bei der leichten Diagnose setzt sie auf die Aktivierungsphase: Bewegungstherapie, Gespräche, Schlafhygiene und Me-Time.
Bei der mittelgradigen Episode setzt sie auf Psychotherapie und Antidepressiva. Viele Kolleg:innen ziehen hier gerne schon Psychiater hinzu.
Bei einer schweren Episode zieht sie die stationäre Behandlung in Erwägung, hier wird es komplexer.
Wichtig ist auch die Abfrage der Suizidalität. Die Suizidrate steigt nicht dadurch, dass man die Patient:innen darauf anspricht.
Die Versorgungssituation sieht nicht gut aus in Deutschland, sie hat sich deutlich verschlechtert nach der Corona-Pandemie. Andrea bindet die Patient:innen zur Überbrückung in der Ergotherapie-Praxis an.
Hausärzt:innen sind oft die erste Anlaufstelle. Wichtig ist: Dran denken!
Bevor Andrea genderspezifische Fortbildungen absolviert hat, hätte sie viele Fälle nicht erkannt, vor allem bei Männern.
Das Thema ist immer noch stark stigmatisiert, deswegen ist es umso wichtiger, dass Ärzt:innen und MFAs besonders hellhörig sind.
Depression ist häufig, ernst zu nehmen und biologisch erklärbar. Sie ist keine Charakter- oder Willensschwäche.
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