KI und Medikamente: Schneller zu neuen Wirkstoffen
Episode von Der künstliche Intelligenz Podcast von Martin Benes · 3. August 2026 · 24 min
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Die Entwicklung neuer Medikamente zählt zu den aufwendigsten und kostenintensivsten Prozessen der modernen Medizin. Von der Identifizierung eines geeigneten biologischen Angriffspunktes über die Suche nach potenziellen Wirkstoffen bis hin zu präklinischen Untersuchungen und mehrjährigen klinischen Studien vergehen häufig mehr als zehn Jahre. Gleichzeitig scheitert ein erheblicher Teil der Wirkstoffkandidaten im Verlauf der Entwicklung, weil sie sich als unwirksam oder nicht ausreichend sicher erweisen. Vor diesem Hintergrund gewinnt der Einsatz Künstlicher Intelligenz zunehmend an Bedeutung. Moderne KI-Verfahren unterstützen heute zahlreiche Schritte der Arzneimittelforschung und sollen dazu beitragen, neue Wirkstoffe schneller, gezielter und effizienter zu identifizieren.
Dabei ersetzt Künstliche Intelligenz die klassische pharmazeutische Forschung nicht. Vielmehr dient sie als Werkzeug, das große Datenmengen analysieren, komplexe Zusammenhänge erkennen und Vorhersagen treffen kann, die mit herkömmlichen Methoden deutlich mehr Zeit oder Rechenleistung erfordern würden. Insbesondere Fortschritte im Bereich des Machine Learning und des Deep Learning haben die Entwicklung in den vergangenen Jahren erheblich beschleunigt.
Warum die Arzneimittelforschung besonders datenintensiv ist
Die Suche nach einem neuen Medikament basiert auf einer Vielzahl biologischer, chemischer und medizinischer Informationen. Forschende müssen geeignete Zielstrukturen im menschlichen Körper identifizieren, mögliche Wirkstoffmoleküle entwickeln, deren Wechselwirkungen simulieren und anschließend in Labor- sowie klinischen Studien überprüfen.
Dabei entstehen enorme Datenmengen aus Genomforschung, Proteomik, medizinischer Bildgebung, wissenschaftlicher Literatur, klinischen Studien und chemischen Datenbanken. Hinzu kommen Erkenntnisse aus elektronischen Gesundheitsdaten, sofern deren Nutzung datenschutzrechtlich zulässig ist. Die Herausforderung besteht darin, aus diesen unterschiedlichen Informationsquellen relevante Zusammenhänge abzuleiten.
Genau an dieser Stelle kommen KI-Systeme zum Einsatz. Sie können Muster erkennen, die für Menschen aufgrund der Datenmenge oder der Komplexität nur schwer sichtbar wären. Dadurch lassen sich potenzielle Wirkstoffe oder neue therapeutische Ansätze schneller identifizieren.
KI unterstützt zahlreiche Phasen der Wirkstoffentwicklung
Die Anwendungsmöglichkeiten reichen heute über nahezu den gesamten Forschungsprozess hinweg. Bereits bei der Suche nach biologischen Zielstrukturen analysieren KI-Modelle genetische und molekulare Daten, um Gene oder Proteine zu identifizieren, die an bestimmten Krankheiten beteiligt sein könnten.
Im nächsten Schritt hilft KI bei der sogenannten Wirkstoffsuche. Dabei werden Millionen chemischer Verbindungen virtuell bewertet, um jene Moleküle auszuwählen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit an eine bestimmte Zielstruktur binden könnten. Dieses sogenannte virtuelle Screening reduziert den Aufwand für aufwendige Laboruntersuchungen erheblich.
Zunehmend kommen außerdem generative KI-Modelle zum Einsatz, die neue Molekülstrukturen entwerfen können. Statt ausschließlich bestehende chemische Bibliotheken zu durchsuchen, erzeugen diese Modelle neuartige Moleküle mit gewünschten Eigenschaften. Anschließend werden diese Vorschläge experimentell überprüft. Trotz der hohen Leistungsfähigkeit bleibt die praktische Validierung im Labor unverzichtbar.
Auch bei der Optimierung bereits identifizierter Wirkstoffkandidaten unterstützt KI die Forschung. Modelle können Eigenschaften wie Stabilität, Löslichkeit, mögliche Nebenwirkungen oder die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Aufnahme im menschlichen Körper abschätzen. Dadurch lassen sich ungeeignete Kandidaten häufig bereits in frühen Entwicklungsphasen aussortieren.
Fortschritte durch moderne Proteinstrukturanalyse
Ein bedeutender Meilenstein war die Entwicklung leistungsfähiger KI-Modelle zur Vorhersage von Proteinstrukturen. Proteine übernehmen im menschlichen Körper zahlreiche biologische Funktionen und sind Ziel vieler Medikamente. Ihre dreidimensionale Struktur ist entscheidend dafür, wie Wirkstoffe an sie binden können.
Lange galt die experimentelle Bestimmung dieser Strukturen als zeitaufwendig und kostspielig. Mit KI-gestützten Verfahren konnte die Genauigkeit entsprechender Vorhersagen deutlich verbessert werden. Besonders große Aufmerksamkeit erhielt das von Google DeepMind entwickelte AlphaFold-System. Gemeinsam mit wissenschaftlichen Partnern wurden Millionen vorhergesagter Proteinstrukturen öffentlich zugänglich gemacht. Diese Daten werden weltweit von Forschungseinrichtungen genutzt und unterstützen zahlreiche Projekte in der Grundlagenforschung sowie in der Arzneimittelentwicklung.
Es ist jedoch wichtig zu unterscheiden, dass eine vorhergesagte Proteinstruktur allein noch kein neues Medikament darstellt. Sie liefert wertvolle Informationen über mögliche Angriffspunkte, ersetzt aber weder biochemische Experimente noch klinische Studien.
Bedeutende Unternehmen und Forschungseinrichtungen
Neben etablierten Pharmaunternehmen investieren zahlreiche Technologieunternehmen und spezialisierte Biotechnologieunternehmen in KI-gestützte Arzneimittelforschung. Unternehmen wie Isomorphic Labs, Insilico Medicine, Exscientia und Recursion Pharmaceuticals gehören zu den international bekannten Akteuren in diesem Bereich. Auch große Pharmakonzerne wie Roche, Novartis, AstraZeneca, Pfizer oder Sanofi arbeiten mit KI-Technologien oder kooperieren mit spezialisierten Softwareunternehmen.
Darüber hinaus engagieren sich zahlreiche Universitäten und öffentliche Forschungseinrichtungen in der Entwicklung entsprechender Verfahren. Einrichtungen wie das Europäische Laboratorium für Molekularbiologie, die Max-Planck-Gesellschaft oder das Broad Institute forschen an Methoden zur Analyse biologischer Daten und an neuen Anwendungen Künstlicher Intelligenz in der Medizin.
Internationale Kooperationen spielen dabei eine wichtige Rolle, da moderne KI-Modelle häufig auf umfangreiche Datensätze angewiesen sind. Gleichzeitig wächst die Bedeutung offener wissenschaftlicher Datenbanken, die Forschenden weltweit den Zugang zu biologischen Informationen ermöglichen.
Klinische Studien profitieren ebenfalls von KI
Nicht nur die eigentliche Wirkstoffentwicklung verändert sich durch KI. Auch klinische Studien können effizienter gestaltet werden. KI-Systeme unterstützen beispielsweise bei der Auswahl geeigneter Studienteilnehmender, analysieren Studiendaten oder helfen dabei, Sicherheitsrisiken frühzeitig zu erkennen.
Darüber hinaus können Algorithmen wissenschaftliche Veröffentlichungen auswerten und Hinweise auf bisher unbekannte Zusammenhänge liefern. Dadurch lassen sich bestehende Erkenntnisse schneller zusammenführen und neue Forschungsfragen ableiten.
In der Praxis bleibt jedoch jede klinische Studie an strenge regulatorische Vorgaben gebunden. Entscheidungen über Sicherheit und Wirksamkeit eines Medikaments beruhen weiterhin auf wissenschaftlichen Nachweisen und der Bewertung durch zuständige Arzneimittelbehörden wie die Europäische Arzneimittel-Agentur oder die US-amerikanische Food and Drug Administration.
Potenzial für personalisierte Medizin
Ein weiterer wichtiger Anwendungsbereich ist die personalisierte Medizin. Krankheiten verlaufen bei verschiedenen Menschen häufig unterschiedlich, da genetische Unterschiede, Lebensstil oder Begleiterkrankungen den Therapieerfolg beeinflussen können.
KI kann große Mengen genetischer und klinischer Daten analysieren und dabei helfen, Patientengruppen mit ähnlichen biologischen Merkmalen zu identifizieren. Dadurch könnten Medikamente künftig gezielter entwickelt oder vorhandene Therapien individueller eingesetzt werden.
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