Mit Johann August Schülein über die Wissenschaftstheorie der Psychoanalyse
Episode von Das Neue Berlin von Das Neue Berlin · 16. Juli 2021 · 1 h 26 min
Die Psychoanalyse ist eine der einflussreichsten Theorien des 20. Jahrhunderts. Sie prägte das moderne Verständnis dessen, was es heißt, ein Subjekt zu sein. In den letzten Jahrzehnten hat sie jedoch an Bedeutung verloren und ist in der akademischen Psychologie weitgehend marginalisiert. Sie gilt als unwissenschaftlich, manchmal sogar als esoterisch. Aktuell kämpft eine Petition für den Erhalt einer der letzten psychoanalytischen Lehrstühle in Deutschland.
In der Sendung versuchen wir, die Psychoanalyse wissenschaftstheoretisch zu verorten. Wir sprechen mit Johann August Schülein, der seit vielen Jahre zum Thema forscht. Für Schülein ist das psychodynamische Unterbewusste eine "autopoietische" Realität. Ihre Dynamik, Reflexivität und Individualität kann nicht von "denotativen" Theorien erfasst werden, wie sie etwa für naturwissenschaftliche Gegenstände angemessen sind.
Psychoanalyse stellt sich (wie andere Sozial- und Geisteswissenschaften) als konnotative Theorie dar. Sie kann ihrem Gegenstand nicht in einem einheitlichen Paradigma gerecht werden. Der Prekarität der Theoriebildung entspricht eine prekäre Institutionalisierung. Nach innen wie nach außen lässt sich nur eine brüchige Einheit herstellen. Schulbildung kann die Pluralität einhegen, bringt aber das Risiko sachlich nicht gerechtfertigter Abschottung mit sich. Überhaupt bleibt der Wissenschaftsstatus umkämpft, Laien von Experten unscharf getrennt. Und nicht zuletzt sind Analysen des Unbewussten bis heute unwillkommen, berühren sie doch den Kern personaler Identität, sind naturgemäß schmerzhaft.
Ein wenig Mitschuld an ihrer Situation trägt die Psychoanalyse laut Schülein freilich auch selbst. Zu sehr hat sie auf ihre Reinheit geachtet, und dabei mitunter eine eingehende Theoriediskussion und produktive Anschlüsse an quantitative Methoden versäumt. Für Schülein, emeritierter Professor für Soziologie, wäre demgegenüber ein großes Potential in der Verbindung von psychoanalytischer und soziologischer Forschung zu finden. Dazu müssen beide Disziplinen etwas von ihrer defensiven Selbstüberschätzung ablegen.
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