#9 Wir essen alle immer Gentechnik. Robert Hoffie, Biotechnologe
Episode von Carls Café von Michael Carl · 30. April 2026 · 44 min
„Ih! Gentechnik!“ Wer würde schon freiwillig etwas essen, das gentechnisch verändert wurde? Also schnell den Aufkleber auf die Butter in der Auslage kleben. Das Problem: Jede Nutzpflanze in der Landwirtschaft heute ist das Ergebnis von Zucht. Das heißt: Ihre Gene wurden massiv verändert.
Die Reflexe scheinen zu sitzen, wenn „Gentechnik-frei“ im Supermarkt als Gütesiegel auf Lebensmitteln prangt. Ein Paradox, sagt Robert Hoffie. Er forscht am Leibniz-Institut in Gatersleben an Methoden, die Gene von Nutzpflanzen sehr gezielt zu verändern. Das, so Robert, ist auch der entscheidende Unterschied zwischen heutiger Gentechnik und klassischen Zuchtmethoden: Die Zielgenauigkeit. Letzere arbeiten mit ungesteuertem Zufall, die Genschere hingegen erlaubt Eingriffe an der Stelle, wo eine gewünschte Veränderung sitzt.
Von einer Generation einer Pflanze auf die nächste gibt es immer wieder Fehler beim Kopieren des genetischen Codes, manchmal schlicht Schäden, jedenfalls Veränderungen. Ein Züchter macht nicht viel mehr, als die Pflanzen mit den passendsten Veränderungen zu identifizieren, um diese wiederum zu vermehren. Ein eher langwieriger Prozess. In den 1920er Jahren haben Züchter diesen Vorgang beschleunigt, indem sie die Pflanzen mit Röntgenstrahlung beschossen haben. Ergebnis: Mehr Mutationen, das freut das Züchterherz. In den 1950ern dann dasselbe mit radioaktiver Strahlung. Lecker. Das Ergebnis wurde „Atomic Gardening“ angepriesen. Aus heutiger Sicht kaum vorstellbar – allerdings gehen nahezu alle Sorten Braugerste, die heute weltweit im Einsatz sind, auf genau dieses „Atomic gardening“ zurück. Prost!
Robert weist auf den Faktor Zeit hin. Neben allem anderen braucht klassische Zucht viel Zeit, um eine Generation Pflanze nach der nächsten hervorzubringen. Leider zuviel Zeit, gemessen an unserem knappen Zeitfenster. Die klimatischen Veränderungen, die Böden, neue Schädlinge und Krankheiten, viele Rahmenbedingungen verlangen schon in sehr naher Zukunft Pflanzen, die es so heute noch nicht gibt – und die mit herkömmlicher Zucht auch nicht rechtzeitig entstehen werden. Wenn wir also in zehn Jahren in Mitteleuropa noch Landwirtschaft betreiben wollen ...
Da fruchtbares Land unsere knappste Ressource ist, bedeutet wahre Nachhaltigkeit heute: Ertragssicherung auf minimaler Fläche, um der Natur unberührten Raum zu geben. Ein Blick in den Werkzeugkasten der Zukunft – behutsamer, schneller und natürlicher, als es das Etikett im Supermarkt vermuten lässt.
Zu Gast:
Dr. Robert Hoffie, Biotechnologe am Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben
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