„Die Holländerinnen“ von Dorothee Elmiger: Ein Roman zwischen Dschungel, Angst und der Suche nach Wahrheit
Episode von Buchempfehlungen von Martin Benes · 4. Oktober 2026 · 23 min
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Was passiert, wenn eine Schriftstellerin sich auf den Weg macht, um eine Geschichte zu erzählen, und dabei immer stärker daran zweifelt, ob sich diese Geschichte überhaupt erzählen lässt?
Genau an diesem Punkt beginnt Dorothee Elmigers Roman „Die Holländerinnen“. Der 2025 ausgezeichnete Roman führt seine Leserinnen und Leser nicht einfach durch eine klassische Handlung. Stattdessen öffnet er einen literarischen Raum, in dem Erinnerungen, Beobachtungen, Erzählungen, Ängste und Wahrnehmungen ineinanderfließen. Der Dschungel wird dabei nicht nur zu einem geografischen Ort, sondern zu einem Bild für das Unbekannte, das Unheimliche und für jene Bereiche menschlicher Erfahrung, die sich einer eindeutigen Erklärung entziehen.
Wer „Die Holländerinnen“ als gewöhnlichen Spannungsroman liest, könnte deshalb schnell irritiert sein. Wer sich dagegen auf die ungewöhnliche Erzählweise einlässt, entdeckt einen Text, der weniger eine geradlinige Geschichte erzählen als Fragen aufwerfen möchte. Was ist Wahrheit? Wie entstehen Geschichten? Wem gehört eine Geschichte, wenn sie von anderen Menschen erzählt wird? Und was geschieht mit einem Menschen, wenn die vertrauten Erzählungen über die Wirklichkeit plötzlich nicht mehr tragen?
Dorothee Elmiger macht aus diesen Fragen ein literarisches Experiment, das bewusst mit Erwartungen spielt. „Die Holländerinnen“ ist deshalb ein Roman, der nicht unbedingt sofort Antworten liefert. Vielmehr fordert er seine Leser dazu auf, die eigene Vorstellung davon zu hinterfragen, was ein Roman leisten, wie eine Geschichte funktionieren und wie Literatur Wirklichkeit abbilden kann.
Dorothee Elmiger und „Die Holländerinnen“
Dorothee Elmiger wurde 1985 in der Schweiz geboren und lebt als freie Autorin und Übersetzerin in New York. Bereits ihre früheren Bücher „Einladung an die Waghalsigen“, „Schlafgänger“ und „Aus der Zuckerfabrik“ wurden vielfach ausgezeichnet, in mehrere Sprachen übersetzt und teilweise für die Bühne adaptiert. Mit „Die Holländerinnen“ setzte sie diese literarische Auseinandersetzung mit komplexen Formen des Erzählens fort.
Besondere Aufmerksamkeit erhielt der Roman durch seine Auszeichnungen im Jahr 2025. Im Mittelpunkt steht dabei der Deutsche Buchpreis, der „Die Holländerinnen“ zu einem der besonders wahrgenommenen deutschsprachigen Romane des Jahres machte. Auch der Schweizer Buchpreis und der Bayerische Buchpreis werden im vorliegenden Material als Auszeichnungen des Romans genannt.
Elmiger gehört damit zu einer Generation von Autorinnen, die sich nicht damit begnügen, vertraute literarische Formen zu wiederholen. Ihre Texte beschäftigen sich häufig mit gesellschaftlichen, historischen und menschlichen Zusammenhängen und stellen zugleich die Frage, wie solche Zusammenhänge überhaupt sprachlich dargestellt werden können.
„Die Holländerinnen“ geht dabei einen besonders konsequenten Weg. Der Roman erzählt nicht nur von Menschen, die sich auf eine Reise begeben. Er erzählt auch davon, wie Menschen versuchen, aus Erfahrungen eine Geschichte zu formen.
Der Ausgangspunkt: Ein unerwarteter Anruf
Am Anfang steht eine namenlose Schriftstellerin. Sie ist unterwegs, als sie ein unerwarteter Anruf erreicht. Am anderen Ende der Leitung befindet sich ein gefeierter Theatermacher, der sie für ein neues Projekt gewinnen möchte.
Das Vorhaben klingt zunächst wie eine Recherche für ein Theaterstück. Im Mittelpunkt steht ein Fall, der sich in den Tropen ereignet hat und rekonstruiert werden soll. Wenige Wochen später macht sich die Schriftstellerin tatsächlich auf den Weg. Sie schließt sich einer Theatergruppe an, die in das Innere des Urwaldes reist.
Damit beginnt eine Reise, die zunehmend weniger wie eine klassische Expedition und immer stärker wie eine Bewegung in die Unsicherheit wirkt.
Der Dschungel ist dabei nicht bloß Kulisse. Er verändert die Wahrnehmung der Figuren. Orientierung wird schwieriger, Vertrautes verliert seine Selbstverständlichkeit und die Grenzen zwischen äußerer Realität und innerer Vorstellung beginnen zu verschwimmen.
Schon diese Ausgangssituation verweist auf eine zentrale Frage des Romans: Was geschieht mit einer Geschichte, wenn die Menschen, die sie erzählen, selbst nicht mehr sicher sein können, was sie eigentlich sehen, erinnern oder verstehen?
Die Holländerinnen und das Motiv des Verschwindens
Im Zentrum des Theaterprojekts steht der Fall zweier verschwundener niederländischer Mädchen. Der Vermisstenfall bildet die thematische Klammer für die Reise und für die unterschiedlichen Erzählungen, die sich innerhalb des Romans entwickeln.
Damit greift Elmiger ein Motiv auf, das eine besondere psychologische Kraft besitzt: das Verschwinden.
Ein verschwundener Mensch hinterlässt eine Leerstelle. Diese Leerstelle erzeugt Fragen, Vermutungen und Erzählungen. Wo befindet sich die Person? Was ist geschehen? Welche Spuren gibt es? Welche Erinnerungen sind zuverlässig? Und wie viel von dem, was später über einen solchen Fall erzählt wird, besteht aus tatsächlichen Beobachtungen und wie viel aus Interpretation?
Gerade diese Unsicherheit macht den Stoff literarisch interessant.
Der Roman interessiert sich nicht ausschließlich für die Frage, was mit den verschwundenen Frauen geschehen ist. Er richtet den Blick auch auf die Menschen, die über das Verschwinden sprechen, recherchieren, rekonstruieren und Geschichten daraus machen.
Damit wird der Vermisstenfall zu mehr als einem Handlungselement. Er wird zu einem Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung mit Erinnerung, Angst, Wahrnehmung und der Konstruktion von Wirklichkeit.
Der Dschungel als literarischer Grenzraum
Der Urwald gehört zu den stärksten Bildern des Romans. Er ist dicht, schwer durchschaubar und entzieht sich dem Bedürfnis des Menschen nach Ordnung.
Wer einen Wald betritt, erwartet normalerweise, irgendwann wieder einen Ausgang zu finden. Doch im Dschungel scheint diese Gewissheit verloren zu gehen. Wege können verschwinden, Entfernungen werden schwer einschätzbar und Geräusche lassen sich nicht immer eindeutig zuordnen.
Genau deshalb eignet sich der Urwald als literarischer Raum für einen Roman, der sich mit Angst und Unsicherheit beschäftigt.
Die äußere Landschaft beginnt, innere Zustände sichtbar zu machen. Die Orientierungslosigkeit im Wald erinnert an die Orientierungslosigkeit der Figuren. Die Dunkelheit der Umgebung verweist auf Dinge, die nicht ausgesprochen oder nicht verstanden werden können. Das Unbekannte wird zu einer Projektionsfläche für menschliche Ängste.
Ein Leser beschrieb diese Wirkung als eine Konfrontation mit einer existenziellen Dunkelheit und stellte dabei eine Verbindung zu Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ her.
Gerade diese Verbindung zeigt, welche literarische Ebene „Die Holländerinnen“ eröffnet. Der Dschungel kann gleichzeitig ein realer Ort, ein psychologischer Raum und eine Metapher sein.
Angst als Grundgefühl
Angst ist eines der zentralen Motive des Romans. Dabei geht es nicht nur um konkrete Gefahr.
Elmigers Text interessiert sich für eine viel grundlegendere Form der Angst: das Gefühl, einer Situation nicht mehr vollständig gewachsen zu sein, die Kontrolle über die eigene Wahrnehmung zu verlieren oder mit etwas konfrontiert zu werden, das sich nicht eindeutig benennen lässt.
Das macht Angst im Roman zu einem Zustand, der weit über einzelne Ereignisse hinausreicht.
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