Der Kampf um die Arktis | Von Jochen Mitschka
Episode von apolut: Standpunkte von apolut · 17. September 2026 · 18 min
Die Arktis als neue Frontlinie: Von der Wissenschaftskooperation zur Aufrüstung des Hohen Nordens
Vier Jahrzehnte lang war die Arktis das seltene Beispiel eines Raums, in dem Ost und West trotz aller Rivalität kooperierten. Seit dem Ukraine-Krieg ist diese Ordnung eingefroren, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Was folgt, ist eine Chronologie des Umbaus vom gemeinsamen Forschungsgebiet zum umkämpften Rohstoff- und Militärraum – und eine Einordnung, was dabei wirklich auf dem Spiel steht.
Ein Standpunkt von Jochen Mitschka.
I. Die Ursprünge: Sowjetische Pionierarbeit und der Rovaniemi-Geist
Die russische Dominanz in der Arktis ist kein neues Phänomen, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger, staatlich finanzierter Kontinuität. Bereits 1937 errichteten sowjetische Wissenschaftler die erste driftende Polarstation auf einer Eisscholle im Nordpolarmeer, wie die Stiftung Wissenschaft und Politik dokumentiert. 1957 folgte mit der „Lenin“ der weltweit erste atomgetriebene Eisbrecher – bis heute verfügt ausschließlich Russland über eine solche Flotte, wie aus der Technikgeschichte der zivilen Atomschifffahrt hervorgeht. 1977 erreichte der sowjetische Eisbrecher „Arktika“ als erstes Überwasserschiff überhaupt den geografischen Nordpol.
Trotz des Kalten Krieges gelang es den acht Arktisanrainern 1996, mit der Ottawa-Erklärung den Arktischen Rat zu gründen – ein Forum, das laut der Analyse der Informationsstelle Militarisierung harte Sicherheitsfragen und militärische Themen bewusst ausklammerte, um Umwelt-, Klima- und Lebensbedingungen der Region gemeinsam zu bearbeiten. Dieser sogenannte Rovaniemi-Geist trug die arktische Kooperation durch die Krim-Annexion 2014 hindurch nahezu unbeschadet, wie das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik in seiner Rückschau auf den Arktischen Rat festhält.
II. Der Wendepunkt: Klimawandel, Rohstoffschätzungen und Ilulissat
Ab etwa 2008 verschob sich der Blick auf die Arktis grundlegend. Der US-Geological Survey veröffentlichte damals die erste umfassende Bewertung der unentdeckten Öl- und Gasvorkommen nördlich des Polarkreises und bezifferte diese auf etwa 90 Milliarden Barrel Öl und 1670 Billionen Kubikfuß Erdgas. Das schmelzende Meereis, ursprünglich vor allem als Menetekel des Klimawandels wahrgenommen, wurde damit – wie die Konrad-Adenauer-Stiftung in ihrer Analyse zu Bodenschätzen und Seewegen in der Arktis beschreibt, zugleich zum Versprechen auf neue Fördergebiete und Schifffahrtsrouten umgedeutet.
Die fünf Arktisanrainer reagierten 2008 mit der Ilulissat-Erklärung, in der sie sich auf das bestehende Seerecht als Rahmen für die Aufteilung der Region verständigten, statt einen neuen völkerrechtlichen Sonderstatus zu schaffen. Damit war formal geklärt, dass der Großteil der vermuteten Rohstoffe ohnehin innerhalb der nationalen 200-Seemeilen-Zonen liegt und kein rechtliches Niemandsland ist, wie es der taz-Bericht zum Ressourcenkonflikt aus dieser Zeit zusammenfasst.
...https://apolut.net/der-kampf-um-die-arktis-von-jochen-mitschka/
Weitere Episoden von „apolut: Standpunkte“
- Tech-Oligarchen fabrizieren die Öffentliche Meinung | Von Hermann Ploppa 22. Oktober 2026
- Merz macht Deutschland zur Rüstungsfabrik| Von Uwe Froschauer 19. Oktober 2026
- Energieversorgung: Macht den Strom lokal! | Von Jochen Mitschka 15. Oktober 2026
- Medienanstalt gegen Norbert Häring | Von Norbert Häring 12. Oktober 2026
- Wann platzt die KI-Blase? | Von Hermann Ploppa 8. Oktober 2026
- Die Krone der Realsatire – Friedenspreis für die NATO | Von Uwe Froschauer 5. Oktober 2026
- Weltfinanzkrise in Sicht, was tun? | Von Jochen Mitschka 1. Oktober 2026
- Die Lawrow-Rede in der UNO | Von Thomas Röper 28. September 2026
- Die Repräsentative Demokratie hat fertig | Von Hermann Ploppa 24. September 2026
- Waffen – Das goldene Kalb der Bellizisten | Von Uwe Froschauer 21. September 2026
- BRICS: die neue Weltordnung | Von Stephan Ossenkopp 14. September 2026
- Pflugscharen zu Schwertern? | Von Hermann Ploppa 10. September 2026
- Ist Selensky am Ende? | Von Thomas Röper 7. September 2026
- Die schleichende Enteignung der Bankkunden | Von Norbert Häring 3. September 2026
- Die Vertrauensfrage | Von Sabiene Jahn 31. August 2026
Alle Episoden von apolut: Standpunkte · Mehr Government-Podcasts