Wir bürokratisieren die Pflege kaputt | Christine Vogler
Episode von 5 Minus von Dr. Laura Dalhaus · 25. August 2026 · 1 h 05 min
Wir alle werden älter – und damit wächst auch die Zahl der Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind. Ohne Pflege wird das nicht funktionieren. Darüber spricht Dr. Laura Dalhaus in dieser Folge von „5 Minus – Das Gesundheitssystem verfehlt das Klassenziel“ mit Christine Vogler, Vorsitzende des Deutschen Pflegerats.
In Deutschland kommen 1,7 Millionen Pflegende auf 6 Millionen Pflegebedürftige allein in der ambulanten Versorgung. Aufgrund der demographischen Entwicklung wird der Bedarf in den kommenden fünf bis zehn Jahren massiv steigen.
Damit nähert sich das System einem Kipppunkt: Wie lange können wir die notwendige Versorgung unter den aktuellen Bedingungen überhaupt noch finanzieren und sicherstellen?
Ein großer Teil des Problems ist die Bürokratie. Zwischen 20 und 30 Prozent der Arbeitszeit entfallen auf Dokumentation. Gleichzeitig sorgen zahlreiche Prüfmechanismen dafür, dass nahezu jeder Schritt nachgewiesen werden muss.
Der Deutsche Pflegerat setzt sich deshalb dafür ein, die Arbeitsbedingungen in der Pflege zu verbessern, statt die Belastungen weiter zu erhöhen.
Laura erlebt die Auswirkungen der Bürokratie regelmäßig im Altenheim. Besonders der Medizinische Dienst bringt sie auf die Palme, wenn für jede mögliche Eventualität eine zusätzliche schriftliche Anordnung verlangt wird.
Für Christine beginnt der Irrsinn bereits bei den unterschiedlichen Zuständigkeiten und Finanzierungssystemen. Ein Toilettenstuhl wird beispielsweise mal von der Pflegekasse und mal von der Krankenkasse bezahlt – abhängig von der jeweiligen Situation der pflegebedürftigen Person.
Durch das neue GKV-Stabilisierungsgesetz wurde zudem ein großer Teil dessen zunichte gemacht, was zuvor auf politischer Ebene durch die Deutsche Krankenhausgesellschaft und verdi erarbeitet worden war.
Laura sieht noch ein weiteres strukturelles Problem: Health Care Professionals bringen häufig ein besonders ausgeprägtes Verantwortungsgefühl mit. Die Kolleg:innen im Stich zu lassen, kommt für viele schlicht nicht infrage – selbst wenn die eigene Belastungsgrenze längst erreicht ist.
Gleichzeitig unterscheidet sich die Pflege in Deutschland deutlich von anderen Ländern, in denen sie als Studium organisiert ist. Die Pflegeausbildung ist hochkomplex und umfasst zahlreiche Bereiche – von Gyn über Kinder und Psychiatrie bis hin zur Altenpflege.
Für Laura ist deshalb völlig unverständlich, warum diese gut ausgebildeten Fachkräfte nicht deutlich mehr Verantwortung übernehmen dürfen. Eine Pflegeverordnung kann eine erfahrene Pflegekraft in vielen Fällen besser beurteilen als ein:e Ärzt:in. Auch Christine sieht großes Potenzial in der interprofessionellen Zusammenarbeit: Jeder Beruf sollte seine tatsächlichen Kompetenzbereiche auch ausleben dürfen.
Die beiden sprechen außerdem darüber, dass identische oder vergleichbare Leistungen unterschiedlich vergütet werden – abhängig davon, wer sie erbringt. Ein Beispiel ist das Impfen, das in der Hausarztpraxis budgetiert ist. Gleichzeitig macht Laura die Vorstellung wütend, dass das Gesundheitssystem auch noch Verantwortung für den Pharmastandort Deutschland übernehmen soll. Währenddessen müssen Pflegekräfte dokumentieren, ob sie einer pflegebedürftigen Person die Haare gekämmt haben. Wie soll das zusammenpassen?
Auch bei medizinischen Tätigkeiten gibt es Grenzen, die Laura und Christine hinterfragen. Aufgaben wie Drainagen, Blut abnehmen oder Zugänge legen könnten teilweise von Pflegekräften übernommen werden, dürfen aber nur von Ärzt:innen durchgeführt werden. Statt Versorgung zu erleichtern, stehen solche Strukturen einer guten Patientenversorgung mitunter sogar im Weg.
Doch wie sieht es auf politischer Ebene aus?
Christine arbeitet als Präsidentin des Deutschen Pflegerats ehrenamtlich. In Deutschland gibt es lediglich zwei Kammern, auf Bundesebene fehlt es jedoch an einer klaren Aufgabenübertragung an die Pflege. Auch zentrale Stellen oder eine Pflegeberichterstattung existieren nicht. Für eine vernünftige Planung der Gesundheitsversorgung ist das aus ihrer Sicht eine Katastrophe.
Hinzu kommt die aktuelle Diskussion um Kürzungen bei den Pflegegraden. Auch soziale Ungerechtigkeiten werden dadurch verschärft, dass keine Rentenpunkte mehr gesammelt werden sollen, wenn Menschen ihre Angehörigen pflegen.
Laura würde sich stattdessen ein deutlich einfacheres Prinzip wünschen: Behandelt werden sollte das, was tatsächlich behandelt werden muss.
Ein Kernproblem bleibt für sie der Medizinische Dienst und die damit verbundene Bürokratie. Das Misstrauen gegenüber Health Care Professionals ist enorm, während bestehende Verwaltungsstrukturen behandelt werden, als wären sie „gottgegeben“. Ähnliches erlebt sie bei den Krankenkassen: Statt Versorgung einfacher zu machen, wird nach Fehlern bei Ärzt:innen gesucht, um Leistungen am Ende nicht bezahlen zu müssen.
Zur Website vom Deutschen Pflegerat: https://deutscher-pflegerat.de/
Zum Deutschen Pflegerat auf Instagram: https://www.instagram.com/deutscher_pflegerat/
Mehr über Laura: https://linktr.ee/lauradalhaus
Zum Shop von Laura: https://lauradalhaus-shop.de/
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